Interview mit Samantha Hargreaves, 13. April 2016

Erzähl uns doch von eurer Arbeit – was ist WoMin, wann habt ihr euch gegründet und wer ist in eurem Netzwerk aktiv? Was sind die kritischen Themen, mit denen ihr euch beschäftigt?

Samantha: WoMin startete im Oktober 2013. Wir arbeiten mit ungefähr 50 verbündeten Organisationen in vierzehn Ländern in Süd-, Ost- und Westafrika zusammen. Die meisten Partnerorganisationen arbeiten zu Fragen von Landrechten, Naturressourcen, extraktiven Industrien, Umwelt- und Klimagerechtigkeit und Frauenrechten. Unsere Arbeit mit den Frauenrechtsorganisationen ist im Allgemeinen oft von Schwierigkeiten gezeichnet, da viele eher „klassische“ Geschlechterthemen wie Gewalt gegen Frauen, die (Aus-)bildung von Frauen und Mädchen und Gesundheitsfragen arbeiten. Nur eine kleine Zahl an Organisationen arbeitet im Bereich „Umwelt, Landrechte und anderer ökonomischer Gerechtigkeitsfragen“.

 WoMin Southern African women and coal exchange. Photo: Heidi Augestad
WoMin Southern African women and coal exchange. Photo: Heidi Augestad

WoMin hat ein Sekretariat in Südafrika und einen Verwaltungsrat in dem alle Regionen vertreten sind, in denen wir arbeiten. Extraktive Industrien, Umwelt- und Klimagerechtigkeit und Frauenrechte miteinander zu verbinden ist relatives Neuland; 2013 gab es unseren Recherchen nach keine Organisation, die direkt an diesen Überschnitten mit Blick auf ganz Afrika gearbeitet hätte und nur wenige in nationaler Perspektive. WoMin füllt daher eine wichtige politische Lücke – wir unterstützen Frauen im Aufbau ihrer Bewegungen, die eine wichtige ökonomische und ökologische Perspektive mit einbringt, und unsere Vorschläge zur notwendigen Veränderung der Entwicklung kommen aus einer vereinten afrikanischen, feministischen, ökonomischen und Umwelt/Klimagerechtigkeitsperspektive.

Ihr arbeitet spezifisch zu extraktiven Projekten. Könntest du für uns die Verbindungen zwischen extraktiven Projekten, der Geschlechterdimension und Militarisierung bzw. Gewalt nachzeichnen?

Samantha: Die Ressourcenausbeutung ist ein tiefgehend gewalttätiger und brutaler Prozess – sie bringt Menschen um ihr Land und ihre Wälder; sie verschmutzt das Wasser, die Luft und den Boden; und Kleinmineure1 und Industriearbeiter müssen gefährliche und gewalttätige Arbeitsbedingungen aushalten. Bei WoMin sprechen wir diese geschlechtliche Dimension der strukturellen Gewalt an. Wir haben angefangen, zur Militarisierung und Versicherheitlichung von Gemeinschaften und Regionen, die von extraktiven Industrien betroffen sind, zu schreiben und und zu organisieren und darin auf die Wirkungen dieser Prozesse auf die Körper und Leben von Frauen hinzuweisen.

Im März 2016 wurde Bazooka Rhadebe umgebracht, eine aktivistische Schlüsselfigur im südafrikanischen Widerstand gegen den Titanabbau in Xolobeni am Ostkap. Nächste Woche wird WoMin nach Somkhele und Fuleni in KwaZulu-Natal zurückkehren, die den dortigen Kohlebergbau bekämpfen und wo es Einschüchterungen, ernsthafte Angriffe und Todesdrohungen gegen die BergbaugegnerInnen gab.

In Tanzania gab es 2013 Proteste von AnwohnerInnen gegen eine aus China finanzierte Gaspipeline, die vom Süden des Landes nach Dar es Salaam läuft, um dort für den Weitertransport verarbeitet zu werden. Die BürgerInnen protestierten, da sie die Kosten der Vertreibung zu tragen hatten, aber nicht von der Gasproduktion profitierten. Als Reaktion auf lokale Proteste setzte die tanzanische Regierung das Militär in der Stadt Mtwara und der Umgebung ein, um den Widerstand zum Erliegen zu bringen. Das Militär tötete mindestens vier Protestierende, verletzte mehrere Hundert und brachte führende AktivistInnen in eine lokale Militärbaracke wo sie geschlagen und gefoltert wurden. Als wäre dem nicht genug, wurde in dieser Unruheperiode mindestens eine Frau von einem Soldaten im Dorf Msimbati vergewaltigt.

In Uganda sind die Ölfelder heftigst militarisiert. Das Militär arbeitet im Tandem mit dem Wachschutz der Bergbauunternehmen, um die Bewegungen und Aktivitäten der lokalen Gemeinschaft zu kontrollieren. Frauen, die dort traditionell Holz, Essen und Pflanzen für medizinische Zwecke von den Feldern und aus den Wäldern in der Umgebung gesammelt haben, sind nun während ihrer täglichen Tätigkeiten häufig Opfer sexueller Übergriffe und müssen Körperkontrollen über sich ergehen lassen, die die Grenzen körperlicher Selbstbestimmung verletzen.

In den Diamantenminen von Marange in Simbabwe waren während einer Militäroperation im Jahr 2008, die die Kontrollübernahme der Minen durch das Militär vorbereitete, mehr als 200 weibliche Kleinmineure und Anwohnerinnen von Gruppenvergewaltigungen betroffen. Das Militär tötete mehr als 200 Bergleute in diesen Operationen. Die BBC enthüllte 2011 ein Folterlager in dem Bergleute und AnwohnerInnen gefoltert wurden und wo sexueller Missbrauch von Frauen weit verbreitet war.

Militarisierung und Versicherheitlichung passen wie eine zweite Haut zu extraktiven Industrien, die von ihren politischen Verbindungen zu gewählten PolitikerInnen, dem Militär und der nationalen Elite profitieren. Militarisierung und Versicherheitlichung schüren die tief verwurzelte Gewalt gegen ArbeiterInnen, Gewalt in Gemeinschaften und Gewalt gegen Frauen. Gewalt ist der Natur der exktraktiven Industrien und dem Extraktivismus als Entwicklungsmodel innewohnend und von diesen nicht trennbar. Es gibt eine bemerkenswerte Verdichtung von Männern in diesen Industrien, die aus ihren Gemeinschaften migriert sind und von sozialen und kulturellen Beschränkungen ihres Verhaltens und zwischenmenschlichen Beziehungen befreit sind, was zu einem hohen Grad an zwischenmenschlicher Gewalt und Gewalt gegen Frauen führt. Arbeitende – Frauen, wie Männer – arbeiten unter schwierigen und oftmals lebensbedrohlichen Bedingungen. Die Kleinmineure arbeiten zusätzlich dazu auch noch mit extrem gefährlichen Chemikalien, wie beispielsweise Quecksilber. Mit dem Auftauchen des Bergbaus und den damit verbundenen Vertreibungen verlieren Frauen den Zugang zu Ressourcen, auf die sie sich für ihren Lebensunterhalt und die Landwirtschaft verlassen, was sie wiederum verletzbarer/angreifbarer gegenüber Gewalt macht.

Was sind die Zukunftspläne von WoMin?

Samantha: Auf einem Regionaltreffen im Niger Delta in Nigeria im Oktober 2015 hat WoMin beschlossen, eine afrikanische und von Frauen angeführte Kampagne aufzubauen, die sich um fossile Brennstoffe, Energie und Klimagerechtigkeit drehen wird. Diese Kampagne wird sich auf vier Länder konzentrieren: Südafrika, Nigeria, Uganda und die Demokratische Republik Kongo. Diese Kampagne versucht etwas grundlegend Neues – sie versucht ein Kampagnenmodel aufzubauen, das von unten kommt, das die Organisierung und den Aufbau von Bewegungen von Frauen unterstützt und das sich ökofeministischen Prinzipien verschrieben hat. Außerdem zielt diese Kampagne darauf, Kämpfe für Frauenrechte, Umwelt- und Klimagerechtigkeit, Landfragen und Naturressourcen und Energie miteinander zu verschneiden oder über eins zu bringen.

Die anderen Bereiche unserer Arbeit sind Extraktivismus, Militarisierung und Gewalt gegen Frauen sowie Alternativen zu Zustimmung und Entwicklungsmodellen zu entwickeln. Diese Alternativen müssen aus den Gemeinschaften selbst entstehen und insbesondere dort von Frauen und dann deren gelebte Entwicklungspraktiken und -hoffnungen mit einbeziehen. Die Mehrzahl der Gemeinschaften in Afrika müssen sich auf Land, Wasser und Wälder verlassen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Für sie muss der Staat mehr in lokale Infrastrukturen wie Bewässerungssysteme, Märkte, Straßen investieren, die die Produktion von Lebensmitteln, die Veredelung [von Erzen und Kohle] und damit verbundene Erwerbsmöglichkeiten unterstützen. Stattdessen investieren unsere Staaten jedoch in große Dämme, Energieinfrastrukturen, Straßen und Häfen, die großen Firmen zugute kommen, anstatt der lokalen Bevölkerung.

Gemeinschaften wissen was sie mit Bezug auf Entwicklung nach ihren eigenen Begriffen wollen und brauchen. Beispielsweise bekämpfen in Fuleni in KwaZulu-Natal in Südafrika die BewohnerInnen ein geplantes Kohlebergwerk. Dieses Bergwerk wird vorangetrieben, in Zeiten einer mehrjährigen einschneidenden Dürre in der Region, die die lokale Lebensmittelproduktion vernichtet hat und viele Menschen in die Armut getrieben hat. Diese Dürre kann mit dem Phänomen des El Nino und dem Klimawandel in Zusammenhang gebracht werden. Fossile Energieträger sind dabei die Haupteinträger zum Kohlenstoffdioxidausstoß der wiederum den Klimawandel verursacht. Anstatt also diesen lokalen Gemeinschaften Unterstützung anzubieten, um sich an die Dürre anzupassen, Wasser zur Verfügung zu stellen und Einkommensalternativen anzubieten, verfolgt der Staat aktiv weiter die Eröffnung eines Kohlebergwerks, das eine unvorstellbare Menge Wasser verbrauchen wird, welches dann in die Gegend „importiert“ werden soll. Die Mehrheit der Bevölkerung sagt „Nein“ zum Kohleabbau und „Ja“ zu agroökologischen Produktionsweisen und Tierhaltung. Die südafrikanische Regierung allerdings hört nicht hin und übergeht lokale Bedürfnisse sowie auch tatsächlich nationale Entwicklungsinteressen um die Forderungen politisch vernetzter Unternehmen zu befriedigen – in diesem Falle Glencore und BHP Billiton – mit ihren angeblichen Verbindungen zur Familie von Präsident Zuma.2

In Zeiten wenn Gesellschaften eine Vielzahl von Krisen – des Klimawandels, der Arbeitslosigkeit und gescheiterter Erwerbsmöglichkeiten, sowie steigender Lebensmittelpreise – durchleben brauchen wir Regierungen mit vorausblickenden Entwicklungsagenden. Stattdessen jedoch verheddern sich die Regierungen immer mehr in der Idee, dass Entwicklung mit höheren Auslandsinvestitionen und einem steigenden Bruttoinlandsprodukt (BIP) gleichzusetzen ist. Wir werden von Regierungen belastet, die in riesige Autobahnen, Industrieeisenbahn, gigantische Wasserprojekte und Häfen investieren, die die Bevölkerung und die Gesellschaft nicht erreichen – und die Öffentlichkeit zahlt dafür! Regierungen verlagern Ressourcen zum Militär und lenken Budgets auf die Schuldentilgung von Infrastrukturen die den Unternehmen zugute kommen. Für diesen abwesenden Staat zahlen – durch die Arbeitsteilung – Hirten- und Arbeiterklassefrauen quer durch Afrika und tragen damit die Kosten der ausgelagerten ökologischen und sozialen Zerstörung, die die extraktiven und Megainfrastrukturinvestitionen begleiten.

1 Kleinstbergbau ist informell und oftmals „illegal“. Meist wird es von Armen in ländlichen Regionen als Ergänzung zum Subsitenzlandbau ausgeübt und arbeitet typischerweise mit relativ einfachen Methoden und Werkzeugen.

2 Jacob Gedleyihlekisa Zuma ist seit 2009 Präsident von Südafrika und ist außerdem der Präsident der regierenden Partei, des African National Congress (ANC).

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