Die Mauern und Abgründe der Nordfestung

Léopold Lambert

Die Leichtigkeit, mit der die Bürger des globalisierten Nordens innerhalb ihres Gebietes reisen, hat ein Gegenstück in der Schwierigkeit für Außenstehende, diesen Teil der Welt zu erreichen. Die hier vorgestellte Karte versucht diesen Antagonismus zwischen der Nordfestung und dem Rest der Welt zu illustrieren. Der Schengen-Raum der EU, das Vereinigte Königreich, Irland, Zypern, Israel, Nordamerika, Japan, Südkorea, Taiwan, Hongkong, Singapur, Australien und Neuseeland bilden den globalisierten Norden, und ihre Grenzen zu anderen Ländern hin sind militarisiert, um die Kontrolle der Migration dorthin zu gewährleisten. Die folgende Liste beschreibt kurz die zahlreichen Apparate, die Grenzen abstecken, Körper kontrollieren und manchmal sogar deren Tod verursachen.

Die Grenze zwischen den USA und Mexiko: 2006 befahl die Regierung von George W. Bush mit Hilfe des „Secure Fence Act“ den Bau einer 14 Fuß (4,27 m) hohen Mauer über 600 Meilen (965 km) zwischen beiden Ländern. Migranten, denen es gelingt, diese Sicherheitslinie zu überwinden, müssen oftmals Dutzende von Meilen Wüste durchqueren und riskieren, von privaten Grenzschützern erschossen zu werden. Jedes Jahr sterben etwa 500 Menschen bei einer solchen heimlichen Grenzüberquerung, die meisten durch Wassermangel. Im äußersten Westen endet die Mauer in den Wassern des Pazifik und trennt so die Bucht von Tijuana und den militarisierten staatlichen Grenzfeldpark.

Mittelmeer: Das Meer, das Afrika, den Nahen Osten und Europa von einander trennt, ist ein Abgrund, in dem Tausende von Migranten umkommen beim Versuch, die Küsten von Spanien, Italien oder Griechenland zu erreichen (seit 2004 etwa 22 000 Tote). Das Mittelmeer ist nichtsdestotrotz hoch militarisiert; Inseln wie Lampedusa oder Malta sind in der Geschichte während des 2. Weltkrieges bei der Kontrolle von Nordafrika als Bastionen der Alliierten genutzt worden. Zwischen März und Oktober 2011 haben Seestreitkräfte und Luftwaffe der NATO auch die Regierung von Ghaddafi in Libyen angegriffen, ebenso wie ihre Unterstützer. Die Kontrolle des Meeres ist entscheidend für die Nordfestung, da sie den Zugang zum Suezkanal sowohl für Containerschiffe und Öltanker aus dem Nahen Osten und Asien sichert, und für Militärschiffe, die auf dem Indischen Ozean und dem Persischen Golf operieren.

Festung Israel: Israel operiert seit 1948 als militarisierter Kolonie-Außenposten der Nordfestung in der Levante. Seine Grenzen haben die paradoxe Eigenschaft, gleichzeitig rigide und formbar zu sein. Seine Armee besetzte von 1967 bis 1982 die Sinai-Halbinsel sowie zwischen 1982 und 2000 den Süden des Libanon. Der Zaun, der es von Syrien trennt, wird im östlichen Teil der Golanhöhen gebaut, die seit 1967 besetzt sind. Die berüchtigte „Trennmauer“, auch „Apartheid-Mauer“ genannt, trennt die meisten Palästinenser auf dem Westufer des Jordans vom Rest Palästinas, einschließlich Jerusalem, während eine bedeutende Anzahl israelischer Siedlungen im Westjordanland auf der westlichen Seite der Mauer liegt (wo die formbare Seite wichtig wird).1 Der Gazastreifen ist vom Rest von Palästina und Ägypten durch eine hoch militarisierte Grenze abgetrennt, die israelische Flotte bewacht die Seeseite und verurteilt so 1,8 Millionen Palästinenser in einem Gebiet zu leben, das mit Recht als „das größte Gefängnis auf der Welt“ bezeichnet wurde.

Die entmilitarisierte Zone auf Zypern (Demilitarized Zone, DMZ): Die von den Vereinten Nationan entmilitarisierte Pufferzone auf Zypern ist 1974 eingerichtet worden, nach der türkischen Invasion, die die Insel in zwei Teile geteilt hat, obwohl die Republik Zypern noch immer international als legaler Souverän über das gesamte Territorium anerkannt ist. Wie bei den meisten entmilitariseriten Zonen sind ihre Grenzen sehr stark militarisiert, einschließlich des britischen Militärstandortes Dhekelia im Osten der Zone.

Die spanischen Enklaven von Mellia und Ceuta: Die Enge von Gibraltar weist das kuriose geopolitische Merkmal auf, von der britischen Enklave auf Gibraltar in Spanien und der spanischen Enklav von Ceuta in Marokko eingerahmt zu werden. Ein wenig östlicher auf der marokkanischen Seite finden wir eine weitere spanische Enklave, Melilla. Aufgrund ihrer besonderen geographischen Lage, die für die Einwanderung als günstig erachtet wird, sind sowohl Ceuta wie Melilla von hohen, von der Polizei überwachten Zäunen umgeben, die von Wachtürmen flankiert sind. Trotz der Risiken, die das bedeutet, versuchen gelegentlich Gruppen afrikanischer Migranten, den Zaun zu überklettern, ohne durch Patrouillen des Zolls erwischt zu werden. Wie es oft bei einer solchen Fülle von Polizei-/ Militärtechnologie und ihren architektonischen Mitteln vorkommt, können wir uns fragen, ob die Geldausgaben, die dafür eingesetzt werden, nicht statt dessen dazu dienen könnte, die Gastfreundschaft zu schaffen, die Flüchtlinge und Migranten suchen.

Der Schengenraum: Dieser europäische Raum ohne interne Grenzkontrollen wurde 1990 eingerichtet und zählt inzwischen 26 Länder (eingeschlossen Island, Norwegen und die Schweiz, die nicht zur EU gehören). Er kann charakterisiert werden durch seine im Gegensatz dazu strengen Grenzkontrollen an seiner Peripherie. Die Schengen-Strategie schließt auch eine starke Anstrengung ein, ihre Immigrationspolitik auf benachbarte Länder, wo es viele Durchzüge von Migranten gibt, wie Serbien oder Bosnien-Herzegovina zu „externalisieren“. Im Wesentlichen wird diesen Länden ein Bewerbungsstatus für die Europäische Union angeboten, wenn sie zuerst die untergeordnete Aufgabe unternehmen, die Migration in Richtung auf das Schengen-Gebiet zu kontrollieren.

Die militarisierte Architektur der Grenzen von Schengen ist jedoch weniger präsent an ihrer Grenze als in ihrem Verwaltungssystem von Festnahme und Vertreibung von Migranten, die als „klandestin“ eingestuft werden. Ob in Lampedusa, Calais oder Belgrad, die Festnahmezentren für Migranten sind nichts weniger als eine Gefängnisumgebung mit ungesunden Bedingungen für die Körper, die sie zwangsweise inhaftieren.

 

Die entmilitarisierte Zone (Demilitarized Zone, DMZ) von Korea: 1953, in Befolgung der Waffenstillstandsvereinbarung geschaffen, trennt dieses 250 km lange und 4 km breite Gebiet die Demokratische Volksrepublik Korea (Nord) von der Republik Korea (Süd). Beide Grenzen dieser Zone sind schwer militarisiert, aber die Zone enthält Dörfer mit Sonderstatus, deren Architektur betont der anderen Seite ihren angeblichen Wohlstand zeigt.

Die Seebarriere Australiens: In seiner gegenwärtigen Einwanderungspolitik, die darauf abzielt, klandestine Einwanderung drastisch zu reduzieren und zu kriminalisieren, kann Australien auf seine Merkmale als Inselstaat rechnen. 2014 begann die Regierung von Abbot in Zusammenarbeit mit der Armee eine breite Informationskampagne unter dem Titel „Operation Sovereign Borders“ in 17 Sprachen, um jeden Versuch von Asylsuchenden und papierlosen Migranten zum Erreichen des Landes abzuschrecken. Ein Plakat und der dazu gehörige Videokommentar vom Militärkommandanten der Operation, Angus Campbell, zeigt insbesondere eine gefährliche See mit den Worten: „Kein Weg. Du wirst Australia nicht zu deiner Heimat machen.“ Ein Comic wurde ebefalls herausgegeben, der beschreibt die angebliche Geschichte eines Asyl suchenden Afghanen und das stürmische und notvolle Schicksal, das ihn erwartet, wenn er versucht, Australien zu erreichen. Wie in Schengen zählt das Land viele Zentren zur Verhaftung von Migranten, von denen einige auf entfernten Inseln verlegt wurden, wie die Weihnachtsinseln oder die Insel Nauru, mehr als 1000 km von Australien entfernt.

Die Festung Nord ist also ein Territorium, auf dem die freie Bewegung ihrer Bürger heftig kontrastiert mit der Schwierigkeit, die andere erfahren, wenn sie sich Zutritt verschaffen oder dort mit einem papierlosen Status wohnen wollen. Obwohl die hier vorgestellte Karte auf ihren ummauerten und mit Abgründen versehenen Grenzen beharrt, sollten wir darauf insistieren, dass die Architektur dieser Festung auch innerhalb und jenseits ihres Territoriums wirkt. Zentren für Asylsuchende, Einrichtung zur Verhaftung von Migranten und andere verwaltungsmäßige Verfahrensorte, wo migrantische Körper verurteilt sind, wochen- oder monatelang zu warten, oft in extrem prekären Verhältnissen, sind die wichtigsten architektonischen Verkörperungen der internen Festung. Jedoch verfehlen wir den springenden Punkt, wenn wir nicht die quasi-Totalität der gebauten Umgebung hinzufügen, deren Mauern sicherstellen, dass die Trennung von eingeschlossenen und ausgeschlossenen Körpern aufrecht erhalten wird.

Die Festung Nord ist eine komplexe architektonische und Verwaltungsstruktur, die die Bewegung hin in den globalen Norden steuert und oft verhindert, ob durch Ausschluss oder Verhaftung. Der Kapitalismus führte die Globalisierung des Austausches von Geld und Gütern in der Welt ein; er erleichterte die Bewegung ihres Profites, aber hinderte die Migration ihrer Subjekte mit der Hilfe von architektonischen und territorialen Apparaten, deren Kosten entweder zur Erlaubnis oder sogar zu ihrer Förderung genutzt werden könnten.

Léopold Lambert is a Paris­based architect and editor of The Funambulist (http://thefunambulist.net) and its podcast, Archipelago (ht­tp://the­archipelago.net) that both attempts to raise questions around the politics of the built environment in relation to the bodies. He is the author of Weaponized Architecture: The Impossibility of Innocence (dpr­barcelona, 2012), and Politique du Bulldozer (B2, forth­ coming 2015). In September 2015, he will launch the first issue of The Funambulist Magazine.

1 cf. Léopold Lambert, Weaponized Architecture: The Impossibility of Innocence, Barcelona, dpr-barcelona, 2012, and The Funambulist Pamphlets Volume 6: Palestine, Brooklyn: punctum books, 2013.

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