WRI-homepage > Publikationen > das zerbrochene Gewehr >Nr.44, Dezember 1999

1 Dezember: Gefangene für den Frieden


Seit 1926 bittet die War Resisters' International FriedensaktivistInnen darum, Grusskarten an Gefangene zu schicken, seit 1956 wird der 1. Dezember als Tag der Gefangenen für den Frieden begangen. In diesem Jahr will die War Resisters' International insbesondere die Situation von KriegsgegnerInnen in Ländern hervorheben, die sich im Krieg befinden: Von Algerien, Angola und Kongo in Afrika bis hin zum Kosov@ und Jugoslawien in Europa. Während wir uns auf den Tag der Gefangenen für den Frieden vorbereiten, wird in Tschetschenien in Europa, in Angola in Afrika, in der Türkei in Asien, in Kolumbien in Lateinamerika - um nur einige wenige zu nennen - Krieg geführt.

Doch wo immer Krieg herrscht, gibt es Widerstand: Junge Männer desertieren von den bewaffneten Einheiten (regulären Armeen und irregulären Verbänden) oder entziehen sich der Einberufung, AktivistInnen versuchen, friedliche Lösungen zu propagieren und militärische Methoden zu denunzieren, Unterstützung für Deserteure und Wehrflüchtige, Initiativen für Dialog zwischen den kämpfenden Parteien. Während die meisten Kriege von Männern geführt und kommandiert werden - auch wenn Frauen einen wachsenden Anteil an den Streitkräften vieler Länder haben - so sind doch oft Frauen in der ersten Reihe des Widerstandes. Das internationale Netzwerk der Frauen in Schwarz ist da nur ein herausragendes Beispiel.

Widerstand gegen Krieg in Kriegssituation unterscheidet sich von dem, was europäische und us-amerikanische AntimilitaristInnen gewohnt sind: während wir häufig gegen Apathie kämpfen und uns in unseren westlichen Demokratien nur geringer Repression ausgesetzt sehen - und ich schreibe das, obwohl ich zu den mehr als 20 FriedensaktivistInnen in Deutschland gehöre, die derzeit angeklagt werden, weil sie deutsche Soldaten zur Desertion aufgerufen haben - haben KriegsgegnerInnen in Kriegssituationen mit einer vollständig anderen Situation umzugehen. In Angola ist Zwangsrekrutierung zu allen bewaffneten Kräften - denen der Regierung und der Guerilla - an sich schon ein Krieg gegen die junge Bevölkerung, und diejenigen, die sich weigern, sehen sich dem Tod gegenüber. Den bis zu 30.000 Wehrflüchtigen in Jugoslawien droht auch heute noch - nach Ende des Krieges - eine Strafe von bis zu 20 Jahren Gefängnis, entsprechend Gesetzen, die während des „Kriegsrechts" eingeführt worden waren.

Widerstand gegen Krieg heisst dann oft, das eigene Land, die eigenen FreundInnen und Familie, zu verlassen, und wenn du Glück hast landest du vielleicht in einem Asyllager in Europa oder den USA, nur um wieder abgeschoben zu werden, denn Kriegsdienstverweigerung bedeutet kein Recht auf Asyl. Widerstand gegen Krieg kann bedeuten, im eigenen Land unterzutauchen, immer in der Gefahr vom Militär oder der Polizei verhaftet und ins Gefängnis geworfen zu werden.

Häufig sind pazifistische Gefangene im Zentrum des antimilitaristischen Kampfes. Gleichzeitig finden sie sich selbst im Herz einer gewaltsamen Institution wieder - die alltägliche Zermürbung und Isolation des Gefängnislebens ist eine Form staatlicher Gewalt die weder vergessen noch unterschätzt werden sollte. Daher benötigen Gefangene für den Frieden unsere besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung.

Die War Resisters' International ruft dazu auf, Briefe oder Karten an individuelle Gefangene zu schicken, um Unterstützung und Solidarität zu zeigen.

Die War Resisters' International ruft Friedensgruppen und -Organisationen dazu auf, mit Informationsständen und anderem die Öffentlichkeit über die Situation von Gefangenen für den Frieden in Kriegssituationen zu informieren.

Ehrenliste 1999

Armenien

Samvel Manukyan (seit 07/97 bis 05/00)
g Kosh, ITK, Nachalniku, Armenien
Verweigerer, Zeuge Jehovah's, nach Berichten wurde er ernstlich geschlagen.

Karen Voskanian (seit 09/98 voraussichtlich bis 04/01)
g Gyumri, SIZO, Nachalniku, Armenien
Verweigerer, Zeuge Jehovah's

Gagik Ohanian
Artur Stepanian
Armen Asoian
Grigor Daian
Artur Martirosian
Ruslan Ohanganian
Gurgen Sevoian
Alle sind wegen ihrer Verweigerung des Militärdienstes inhaftiert

Deutschland

Dr. Wolfgang Sternstein
inhaftiert in der Justizvollzugsanstalt Rottenburg, Schloss 1, 72108 Rottenburg an dem 22.11.1999 für 140 Tage wegen einer Entzäunungsaktion am EUCOM in Stuttgart im Rahmen der EUCOMmunity.

Fabian-Kai-Albert Kultscher
JVA Hildesheim, Godehardplatz 7, 31134 Hildesheim

Totalverweigerer, in Prozess 14 Dezember am Hildesheim (Niedersachsen).

Finnland

Jukka Johansson (seit 13.7.1999 bis 29.1.2000)
Kim Åke (seit 30.8.1999 bis 17.3.2000)
Suomenlinnan työsiirtola, Suomenlinna C 8600190 Helsinki

Tom Kettunen (seit 21.9.1999 bis 8.4.2000)
Turun lääninvankila PL 212 20101 Turku

Otso Kivekäs (seit 19.10.1999 bis 6.5.2000)
Nakke Leppänen (seit 11.10.1999 bis 28.4.2000)
Otto Salin (seit 4.10.1999 bis 21.4.2000)
Niko Salminen (seit 15.9.1999 bis 2.4.2000)
Helsingin työsiirtola 01531 Vantaa

Antra Löövi (seit 18.8.1999 bis 6.3.2000)
Haminan työsiirtola, Karjakatu 25 49400 Hamina

Die folgenden totalen Kriegsdienstverweigerer wurden im Laufe dieses Jahres freigelassen:
Juan Meneses, Mikko Suonpää, Mikko Juhanantti, Mika Iisakka, Kai Hall, Jan Hellsten, Juri Rosenberg, Markus Latvala, Teppo Salonen, Harri Mulari

Grossbritannien

Auch wenn wir von niemandem wissen, die/der am 1. Dezember im Gefängnis sein wird, befanden sich 1999 mindestens 20 FriedensaktivistInnen von 'Bread not Bombs Ploughshares', 'Trident Ploughshares', 'Campaign for the Accountability of American Bases' und von den Frauenfriedenscamps in Aldermaston, Sellafield und Menwith Hill wegen antimilitaristischer gewaltfreier Aktionen im Gefängnis - mit Strafen von 7 Tagen bis zu 9 Monaten.

Israel

Mordechai Vanunu
Ashkelon Prison, Ashkelon, Israel

18 Jahre, warnte vor dem israelischen Nuklearprogramm. Wegen Spionage und Verrat verurteilt - entführt am 30.09.1986
Mehr Informationen sidn erhältlich bei: U.S. Campaign to Free Mordechai Vanunu, 2206 Fox Ave., Madison, WI 53711, USA. (+1 608-257-4764; http://www.nonviolence.org/vanunu)

Lotahn Raz (#6963940)
DZ 02507, Tzahal, Israel
Politischer Verweigerer, sass drei fast aufeinanderfolgende Haftstrafen zwischen dem 8. August und 8. Oktober 1999 ab. Er wurde vom Militärdienst freigestellt.

Walid Nafa Druse, verweigert den Dienst in der israelischen Armee aus nationalen und politischen Gründen, war vom 1. Juni bis 10. September diesen Jahres inhaftiert. Das war seit März 1997 seine siebte und letzte Inhaftierung. Er wurde jetzt vom Militärdienst befreit.

Oleg Bar-On, Pazifist, sass zwischen November 1998 und Juli 1999 vier Haftstrafen ab. Er ist jetzt vom Militärdienst befreit.

Yehuda Agus, anarchistischer Verweigerer, war zu Anfang des Jahres zweimal inhaftiert. Nicht offiziell vom Militärdienst befreit. Derzeit hält er sich ausserhalb Israels auf, da er im Falle seiner Rückkehr in Gefahr ist, inhaftiert zu werden.

Dimitry Sokolik, Pazifist, sass drei aufeinanderfolgende Haftstrafen zwischen dem 30. Juni und 22. August 1999 ab. Er hat den Befehl, sich am 22. November erneut zum Militärdienst zu melden, was wahrscheinlich den Beginn einer erneuten Inhaftierung bedeutet.

Mauritzio Lazaleh, befand sich zwischen dem 6. und 18. September 1999 im Gefängnis. Er wurde jetzt vom Militärdienst freigestellt.

Spanischer Staat

Elías Rozas Alvarez
Ramiro Paz Correa
Plácido Ferrándiz Albert
Raul Alonso
Ignacio "Tasio" Ardanaz
Javi Gomez
Rafael "Fali" Fernandez
Alberto Naya
Josef Ghanime
Alles sind im Militärgefängnis in:
Prisión Militar de Alcalá, Ctra Alcalá-Meco, km 5, 28805 Alcalá de Henares, Madrid, Spanischer Staat.
(totale Kriegsdienstverweigerer, inhaftiert seit 08/1997)

Unai Molinero
Kontakt: c/o KEM-MOC, Iturribide 12-1 D, 48005 Bilbao, Euskadi, Spanischer Staat.

Carlos Pérez

Türkei

Akin Birdal
Mihriban Kyrdok
Muharrem Copur
Guzel Yarar
Eren Keskin
(IHD, Menschenrechtsverein, Vorsitzender der Sektion Istanbul)
Mukaddes (Mitglied der Verwaltung des IHD)
Leman Yurtsever (Mitglied der IHD-Verwaltung)
Sensver Kaya (Mitglied der IHD-Verwaltung)
Umit Efe
Ozer Kazak
Zehra Yimaz
Cemile Atmaca
Hasan Tap
Mehtap Kurucay
Kenan Bulut

Turkmenistan

Roman Sidelnikov
g Chardzhau, ITU, Nachalniku, Turkmenistan
(seit 06/1998 bis 05/2000, im Mai 1996 zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt wegen der Nichtbefolgung der Einberufung, sechs Monate später amnestiert. Im Juni 1998 zu zwei Jahren Gefängnis wegen „Wehrdienstentziehung" verurteilt.)

Oleg Voronin
g Gushgi, ITU voennogo naznacheniya, Nachalniku, Turkmenistan
(seit 09/1998 wahrscheinlich bis 10/2003, zu fünfeinhalb Jahren verurteilt wegen „Entfernung vom Militärdienst", nachdem er mit Gewalt zu einer Militäreinheit gebracht worden war. Es wird davon ausgegangen, dass er ernstlich geschlagen wurde und dass ihm ein/e AnwaltIn verweigert wurde. Seit seiner Inhaftierung im Militärgefängnis Gushgi hat niemand Zugang zu Oleg Voronin gehabt.)

Vereinigte Staaten

Tom Lewis-Borbely (#03609-036, zu drei Monaten verurteilt wegen der Weigerung, Schadensersatz zu zahlen.)
c/o 136 Austin St., Worcester, MA 01609, USA

Martha Scarborough
Joyce Parkhurst
c/o Nye County Sheriff, Detention Center, POB 831 Tonopah, NV 89049, USA
Entzäunungsaktion am Atomwaffentestgelände in Nevada

Lauren Cannon (30 Tage)
Kateri McCarthy (30 Tage)
MCI Framingham, P.O. Box 9007, Framingham, MA 01704-9007, USA
Eddy Dyer
(30 Tage)
Sean Donahue (30 Tage)
Jonathan Leavitt (30 Tage)
Lawrence Alternative Correctional Facility, 165 Marston St., Lawrence, MA 01841, USA
Scott Kenji Warren
(Unit 120B Cell #254 , verurteilt zu 30 Tagen)
Essex County Corrections Facility, P.O. Box 807, Middleton, MA 01949-2807, USA
Blockade am Raytheon corporate offices, 28/05/99, inhaftiert seit 14/10/99

Werden sich im Gefängnis befinden:

Michele Naar-Obed (12 Monate)
c/o Jonah House, 1301 Moreland, Baltimore, MD 21216, USA
("Jubilee Plowshares/East" direkte Abrüstung eines Schnell-Angriffs-U-Boots im August 1995, Bewährung widerrufen, zurück im Gefängnis seit 07/99)
[Mehr Informationen bei Jonah House, siehe oben, und disarmnow@erols.com]

Daniel Sicken (#28360-013, verurteilt zu 41 Monaten)
FPC Lewisburg, P.O. Box 2000, Lewisburg, PA 17837.
Oliver Sachio Coe (#28361-013, verurteilt zu 30 Monaten)
Unit AD, FPC Allenwood, P.O. Box 1000, Montgomery, PA 17752-9718, USA
"Minuteman III Plowshares" direkte Abrüstung eines Nuklearraketen-Silos, 06/08/98
[Mehr Informationen bei MM III Plowshares Support, c/o Citizens for Peace in Space, POB 915, Colorado Springs, CO 80901.]

John Patrick Liteky (#83725-020)
FPC Sheridan, PO Box 6000, Sheridan, OR 97378-6000, USA
Fr. Bill Bichsel SJ
(#86275-020)
FPC Sheridan Unit 5, P.O. Box 6000, Sheridan, OR 97378-6000, USA
Verurteilt wegen diverser Aktionen mit Blut gegen die „School of the Americas" am Pentagon am 29/09 und 20/10/97 und am Fort Benning am 25/02/98)

»Ohne Amnestie ist der Krieg nicht zu Ende«

In Jugoslawien warten Deserteure und Wehrflüchtige noch immer auf eine Amnestie

Seit Juni ist der Krieg, der nicht Krieg genannt wurde, offiziell zu Ende. Nach 79 Tagen der Bombardierung stimmte Jugoslawien zu, seine Truppen aus dem Kosov@ abzuziehen und eine NATO-geführte KFOR-Truppe im Kosov@ zu akzeptieren.

Auch wenn dieser Krieg vom serbischen Regime nicht als Krieg bezeichnet wurde, führte das Regime am 18. März, sogar schon vor Beginn der Bombardierungen, neue Regelungen für »kriminelle Handlungen gegen die Streitkräfte« ein, mit denen die Strafen für Wehrdienstentziehung und Desertion auf bis zu 20 Jahren Gefängnis erhöht wurden, und erklärte den »Kriegszustand« für Serbien. Mobilisierungen fanden insbesondere im südlichen Teil Serbien nahe dem Kosov@ statt. In den Städten Leskovac, Kraljevo, Niš und anderen wurde nahezu jeder junge Mann mobilisiert, und viele gingen in den Kosov@. Wie viele serbische Soldaten während des Krieges starben bleibt immer noch ein Geheimnis, doch Schätzungen sprechen von ca. 2.000 Soldaten, die von der NATO oder der UÇK getötet wurden.

Doch auch wenn die Mobilisierungen streng waren ging doch nicht jeder. Vielleicht wären sogar einige mehr gegangen, doch die Einberufung erreichte sie nie - entweder, weil sie umgezogen waren, und das Militär die aktuelle Adresse nicht wusste, oder aufgrund der Ineffektivität der Postzustellung. Trotzdem werden die meisten von ihnen jetzt als Wehrflüchtige betrachtet.

Schätzungen zur Zahl der Deserteure und Wehrflüchtigen variieren stark. Der Offizier im Ruhestand der Jugoslawischen Armee und ehemalige Leiter der Rechtsabteilung des Oberkommandos, Tihomir Stojanovic, schätzt dass vor den Militärgerichten etwa 23.000 Verfahren wegen Verbrechen, die während der NATO-Intervention und des Krieges im Kosov@ begangen wurden, anhängig sind. Der häufigste Anklagepunkt ist »Nichtbefolgen der Einberufung und Vermeidung des Militärdienstes«. Das serbische Helsinki Komitee schätzt, dass es etwa 14.000 Angeklagte gibt. Andere Schätzungen reichen bis zu 35.000 Verfahren gegen Deserteure und Wehrflüchtige. Das »Haus für Deserteure«, ein Projekt serbischer KriegsgegnerInnen in Budapest/Ungarn, berichtete im Juli, dass sich einige hundert Deserteure und Wehrflüchtige in Serbien in Militärgefängnissen befinden, die meisten von ihnen in Gefängnissen in Zabela-Pozarevac, Sremska Mitrovica und Niš. Das häufigste Urteil lautet fünf Jahre Gefängnis.

Es gibt den Fall eines Kunststudenten, der anonym bleiben möchte. Er erhielt seine Einberufung nie, trotzdem wurde er in Abwesenheit zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Derzeit versteckt er sich und ist nicht in der Lage, sein Studium zu beenden oder irgendetwas in der Öffentlichkeit zu unternehmen - weder kann er in Kneipen gehen, noch sich an irgendwelchen politischen Aktivitäten beteiligen. Wie er verstecken sich viele Deserteure und Wehrflüchtige in Serbien, aus Angst, von der Polizei verhaftet und in ein Militärgefängis gesteckt zu werden. Auch wenn üblicherweise die Urteile in einem zweiten Verfahren nach der Verhaftung reduziert werden, so bleibt doch eine Menge Unsicherheit, was erwartet werden kann. Und obwohl der »Kriegszustand« Ende Juni aufgehoben wurde, basieren Verfahren gegen Wehrflüchtige immer noch auf den Regelungen, die während des Kriegsrechtes in Kraft waren.

Die Situation ist in Montenegro ein wenig besser, denn die montenegrinische Regierung weigerte sich, den »Kriegszustand« auszurufen und die Polizei arbeitet nicht mit dem Militär zusammen. Doch immerhin gibt es keine Möglichkeit, ohne Risiko der Verhaftung nach Serbien zu fahren.

Die Situation der schätzungsweise 1000 Wehrflüchtigen, die nach Ungarn flohen, ist noch schlechter. Nachdem der Krieg nun offiziell zu Ende ist, erhalten sie keinen Flüchtlingsstatus, und müssen daher ständig ihre Abschiebung fürchten. Ohne jeden sicheren legalen Status ist ihnen nicht erlaubt, in Ungarn zu arbeiten, noch haben sie die Möglichkeit, in andere sichere Länder weiterzureisen. Die NATO-Staaten, die während des Krieges die serbischen Soldaten zur Desertion aufriefen - die NATO warf sogar Flugblätter von Flugzeugen über dem Kosov@ ab - verweigern ihnen jetzt Visa und Asyl, und überlassen sie einem unsicheren Status in Ungarn. Für sie alle ist der Krieg nicht zu Ende, bis eine Amnestie erlassen wird.

Als der Krieg in Bosnien durch den Dayton-Vertrag beendet wurde, war ein Teil der Vereinbarungen, dass alle drei kriegführenden Parteien - Jugoslawien, Bosnien und Kroatien - eine Amnestie für Deserteure und Wehrflüchtige erlassen mussten. Auch wenn diese Amnestie nicht so gut gewesen sein mag wie sie hätte sein können, sie erlaubte es Wehrflüchtigen und Deserteuren, nach Jugoslawien zurückzukehren - und gleichzeitig erlaubte sie es den NATO-Staaten, Deserteure und Wehrflüchtige, die geflohen waren und in NATO-Staaten um Asyl nachgesucht hatten, sie zurück nach Serbien abzuschieben. Viele von ihnen wurden mit Beginn der NATO-Angriffe sofort eingezogen und wurden so zu »legitimen militärischen Zielen«, und ihre langwierige Weigerung, sich an den früheren Kriegen zu beteiligen, wurde dadurch belohnt, dass sie auf den Status von Kanonenfutter reduziert wurden, wie es Biljana Kovacevic-Vuco, Präsidentin des Jugoslawischen AnwältInnenkomitees für Menschenrechte, ausdrückt.

Dieses Mal gibt es noch nicht einmal eine Regelung für eine Amnestie. Weder die Vereinbarung zwischen der NATO und Jugoslawien, noch die UN-Sicherheitsratsresolution 1244 fordern eine Amnestie für Deserteure und Wehrflüchtige. Das Fehlen einer Amnestie lässt den serbischen Behörden viel Raum für politische Manöver. Da die Anzahl der Anklagen gegen Wehrflüchtige und Deserteure die Zahl der Gefängnisplätze um mehr als das doppelte übersteigt, werden Verfahren selektiv sein, insbesondere gegen jene, die sich gegen das Regime stellten. Selbst die meisten Oppositionsparteien sprechen nicht über Amnestie, aus Angst, eines Mangels an Patriotismus bezichtigt zu werden.

Jugoslawische Menschenrechts- und Antikriegsgruppen planen eine Amnestiekampagne innerhalb Serbiens. Es ist wichtigt, dass diese Kampagne Unterstützung durch NGOs und KriegsgegnerInnen von ausserhalb erhält. Der Krieg ist noch nicht zu Ende.

Andreas Speck

Kontakte:
Yugoslav Lawyers' Committee for Human Rights, Admirala Geprata 8/III, 11000 Beograd, Jugoslawien, tel./Fax: +381-11-3617144, email: yulaw@EUnet.yu
Women in Black, Jug Bogdanova 18/5, 11000 Beograd, Jugoslawien, Tel./Fax: +381-11-623225, email: stasazen@eunet.yu
Haus für Deserteure, http://www.extra.hu/prigovor

Die Zurückgelassenen

Matt Meyer bietet einen Überblick über die Bewegung zur Befreiung der politischen Gefangenen Puerto Ricos und ein Exklusiv-Interview mit der ehemaligen Gefangenen Alejandrina Torres.

Nach neunzehn Jahren im Gefängnis - aufgrund eines Urteilsspruchs über achtundsiebzig Jahre für das politische Verbrechen der ‚umstürzlerischen Verschwörung' - treiben Adolfo Matos' erste Schritte auf den New Yorker Flughafen jedem Anwesenden einige Tränen in die Augen. Es sind hauptsächlich Tränen der Erleichterung - nach den intensiven Kampagnen, den langen Treffen und den vielfältigen Strategien sieht Adolfo so gut aus (fast jünger als damals, als er verhaftete worden ist), doch es sind auch Tränen des Entsetzens und der Wut über die Ungerechtigkeit von all diesem Geschehen. Adolfos Aufenthalt in New York ist kurz, ein einstündiger Zwischenstopp mit seiner weitläufigen Familie und seinen Unterstützern, zwischen dem Gefängnis in Kalifornien und dem Land, das er seine Heimat nennt: Puerto Rico, dem Land, dessen Freiheit er sich verschworen hat.

Der Kampf gegen die Besetzung von Puerto Rico durch die USA reicht zurück bis 1898, als US-Truppen auf der Insel einmarschiert sind am Ende des Spanisch-Amerikanischen Krieges. Seit jener Zeit hat sich eine dauerhafte Widerstandsbewegung entwickelt, sowohl den rauen kolonialen Bedingungen als auch den drakonischen Maßnahmen zur Unterdrückung der Unabhängigkeitskämpfern trotzend. Puerto Rico wird noch immer als wichtigster US-Militärstützpunkt in Lateinamerika genutzt mit über vierzehn über die ganze kleine Insel verteilten Unterstützpunkten und mit den beiden winzigen, doch bewohnten mit Puerto Rico verbundenen Inseln Vieques und Culebra, die zeitweise als Truppenübungsplatz gedient haben. Puertoricanern wurde eine formelle US-Staatsbürgerschaft erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg gewährt, die die Einberufung von Puertoricanern erleichterte, während sie ihnen nicht erlaubte, innerhalb der USA zu wohnen oder gar nur den Präsidenten oder die Regierung zu wählen. Sie wurden nicht nur in Größenordnungen an die Front geschickt, die ihrem Anteil an der Bevölkerung überhaupt nicht entsprachen, sondern die Puertoricaner führten ebenso die US-Statistiken im Bereich der Wehrpflichtverweigerung und -vermeidung an. Wenn sie sich nicht gerade einem konventionellen Angriff gegenübersahen, wurde die koloniale Gewalt ausgeübt durch die Zwangssterilisation von großen Zahlen puertoricanischer Frauen in Experimenten, um den Gewinn der multinationalen pharmazeutischen Industrie zu fördern. Die wirtschaftliche Ausbeutung hat es US-Unternehmen erlaubt, sich in Puerto Rico steuerfrei betätigen zu können, während die Armut sich immer weiter ausdehnt in einem Land, das seiner natürlichen Rohstoffe beraubt worden ist. Das englischsprachige Gerichtswesen in diesem spanischsprechenden Land wacht über der ‚Sicherheitsleistung' verschiedener Abteilungen des FBI, der Militärpolizei und einheimischen Kräften. Wahre Gegner dieser Bedingungen - von Studenten über Umweltbewegte, Feministinnen zu Gewerkschaftlern oder Nationalsten - können bezeichnet werden als Kriegsgegner in Kriegszeiten. Kolonialismus ist immer eine Form des Krieges gewesen und Puerto Rico bleibt am Beginn des Jahrhunderts, das die UN gehofft hat, eine Ära ohne Kolonien nennen zu können, eine der letzten direkten kolonialen Enklaven der Welt. Die politischen Gefangenen Puerto Ricos, die von einer Reihe unabhängiger internationaler Tribunale formal als Kriegsgefangene anerkannt werden, sind aus diesem Zusammenhang von Widerstand und Unterdrückung erwachsen. Alles ist verbunden gewesen mit Anstrengungen zur Verbesserung der sozialen Situation, einschließlich kirchlicher Gruppen, alternativer Schulen, Kulturzentren und Anti-US-Marine-Aktivitäten. Die Anklage der Verschwörung durch die US-Regierung, erhoben gegen die Verhafteten der frühen 80er, fasste sie begrifflich zusammen als Mitglieder der einen oder anderen geheimen Gruppe, die sich mit symbolischen Bombenattentate, Bankräubereien und Ähnlichem beschäftigte. Und obwohl ein paar der fünfzehn der Besitz einiger Waffen nachgewiesen wurde, wurde keiner in Verbindung zu Taten gebracht, die tatsächlich Tod oder Zerstörung bewirkt haben. Dennoch überstiegen die verhängten Urteilssprüche dafür, möglicherweise einer Organisation angehört zu haben, die möglicherweise für gewalttätige Handlungen verantwortlich gemacht werden kann, bei weitem die gewöhnlich verhängten Urteile für die nachgewiesenen Verbrechen des Mordes, der Entführung oder der Vergewaltigung. Diese Haftstrafen, die sich Einzelfällen bis zu 105 Jahren aufsummierten, wurden verbüßt unter rechtswidrigen Bedingungen, die oft von Menschenrechtsgruppen angeprangert worden sind, in Gefängnissen, die über die USA verteilt waren, weit entfernt von den Familien der Gefangenen oder den Unterstützungsnetzwerken. Diese unerhörten Urteile und diese Behandlung zusammen mit der standhaften Art, in der die Gefangenen immer weiter auf ihrer Politik der Gerechtigkeit und des Friedens bestanden, führte dazu, dass sie zu Symbolen für das ganze puertoricanische Volk geworden sind. Auf dieser Grundlage wurde ein Amnestiekampagne begonnen.

Die Puerto Rican Human Rights Campaign unter der Leitung des Soziologen und Pädagogen Dr. Luis Nieves Falcon organisierte eine vielschichtige Strategie, die sowohl die Notwendigkeit eines massiven Graswurzelimpulses als auch einer angemessenen internationalen Solidarität erkannte. Falcon, der ganz das Bild eines unermüdlichen Aktivisten darstellt, zog sich von einer angesehenen Stellung als Direktor der Abteilung für Karibische und Lateinamerikanische Studien an der Universität von Puerto Rico zurück, um einen Abschluss in Jura zu erwerben, damit er besser die Fälle verstehen und seine inhaftierten Mitstreiter unterstützen konnte. Nachdem die rechtliche Grundlage für eine Amnestie (auf Konferenzen in Barcelona, New York, San Francisco und Genf) klar begründet worden ist, wurden Gruppen von Studenten ausgebildet, in jede Stadt und jeden Ort zu gehen, an Türen zu klopfen und Menschen zu bewegen, Briefe zu schreiben, Petitionen zu unterschreiben und Politiker unter Druck zu setzen. In dem Bemühen, die Sache zu achten, für die die Gefangenen eingestanden sind, versuchte die Kampagne auch, die Tatsache und die Bedingungen ihrer Inhaftierung (als Auswuchs einer kolonialen Struktur, die ganz Puerto Rico betrifft) zum politischen Schwerpunkt zu machen. So stimmten rechtzeitig die Führungen jeder puertoricanischen Gewerkschaft, Kirche und Rechtsvereinigung ein in den Aufruf zu einer Amnestie, Vertretungen jeder puertoricanischen Partei von der Linken über die Mitte bis zur Rechten fügten ihren Namen an. Am Vorabend einer riesigen Demonstration am 29.08. wurde ein Abendessen veranstaltet, um Unterstützer zu sammeln; die Hauptreden des abends wurden gehalten vom katholischen Erzbischof Roberto González Nieves und vom episkopalischen Bischof David Alvarez. Das Motto der Demonstration, die über 100.000 Menschen versammelte zu einer Protestaktion, die als die größte in der puertoricanischen Geschichte angesehenen wird, ging über das verbreitetere ‚Freiheit für die politischen Gefangenen' hinaus: ‚Freiheit für uns - Es ist Zeit, sie nach Hause zu bringen.'

Auf der internationalen Ebene erhielt früh die Bildungsarbeit einen Vorrang zusammen mit der Mobilisierung der großen Gruppen von Puertoricanern, die in den USA auf dem Festland leben. Bis zum Ende letzen Jahres hat sich jeder Latino, der in den USA auf einen Posten gewählt worden war, den Anstrengungen um eine Amnestie angeschlossen und die Brief-Kampagne hat Gruppen und Einzelne in Europa, Lateinamerika, Afrika, Asien und im Pazifik erreicht. Die internationale Friedensbewegung spielte eine bedeutende Rolle und unter der Koordination der Puerto Rican Human Rights Campaign und mit der Hilfe der lokalen Bezugsgruppe Resistance in Brooklyn (RnB) wurde ein Aufruf der Friedensnobelpreis-Gemeinschaft entwickelt. Letztlich unterzeichneten elf Nobelpreisträger oder Vertreter von Nobelpreis-tragenden Organisationen den Aufruf einschließlich Erzbischof Desmond Tutu, Mairied Corrigan Maguire, Jose Ramos-Horta, Coretta Scott King und Adolfo Perez Esquivel, der half den Aufruf auf der WRI-Triennale in Brasilien zu initiieren. Während diese Art der Solidarität wuchs, initiierten die Anwälte der Gefangenen eine Reihe von Treffen mit dem Begnadigungs-Staatsanwalt und dem Verantwortlichen für Latino-Angelegenheiten des Weißen Hauses, um eine Kommunikation zu eröffnen.

Sich niemals auf die Aufrichtigkeit von Politikern verlassend, glaubte die Kampagne, dass eine persönliche Verbindung tatsächlich nötig war, und die Kinder und Eltern der Inhaftierten begannen mit direkten Appellen an das wahre Zentrum der politischen Macht. Über die vergangenen Jahre wurde, nachdem eine Reihe von unausgesprochenen Versprechen der Freilassung gebrochen worden war, die taktische Flexibilität der Kampagne deutlich: eine Anzahl von gewaltfreien Aktionen des zivilen Ungehorsams begann. Zuerst widmete die RnB-Gruppe, verstärkt von einigen Pflugschar-Aktivisten und von dem friedensbewegten Veteran David Dellinger, ihre Verhaftungen während der ‚Ein Tag ohne Pentagon'-Aktionen im Oktober 1988, erinnernd an das fünfundsiebzigste Jubiläum der War Resisters League, den puertoricanischen Gefangenen und der Bevölkerung von Vieques, die nach Befreiung von den Bombenstürmen des Pentagon verlangte. Dann veranstaltete das National Committee to Free Puerto Rican Political Prisoners/POWs aus den USA, unterstützt von RnB und dem Interfaith Prisoners of Conscience Project des National Council of Churches, im letzen Juli am hundertundersten Jahrestag der Invasion von US-Truppen auf Puerto Rico eine Aktion zivilen Ungehorsams vor dem Weißen Haus. Obwohl ein höfliches Treffen (zwischen den Anwälten des Präsidenten, dem Anwalt der Gefangenen Jan Susler und dem Pax-Christi-Bischof Thomas Gumbleton) nur Augenblicke zuvor im Weißen Haus stattgefunden hatte, war die Kampagne an dem Punkt angekommen, an dem sie erkannte, dass eine strategische Anwendung von vielfältigen Taktiken und Ansätzen, von der objektiven Notwendigkeit Massen von Menschen zu mobilisieren als auch von der subjektiven Notwendigkeit den Mächtigen die Wahrheit zu sagen, letztlich im erfolgreich sein würde.

Trotz all dessen rasten die Ereignisse vom August und September 1999 wie im Nebel an den meisten Amnestie-Mitstreitern vorüber. Als am 11. August William Clinton vierzehn der fünfzehn eine bedingte Begnadigung anbot (und eine Verringerung der Geldstrafe für zwei bereits entlassene Häftlinge ausweitete), waren die Kämpfer sowohl überglücklich als auch empört. Unter diesen Bedingungen könnten zwölf gleich entlassen werden und zwei andere müssten fünf bzw. zehn weitere Jahre absitzen (was dennoch einer Strafverkürzung entsprach). Ein Schwur zur Gewaltlosigkeit hätte von allen unterschrieben werden müssen, die dieses Angebot angenommen hätten, trotz der Tatsache, dass die Kampagne bereits Unterlagen der Gefangenen vorgelegt hatte, die zugestimmt hatten sich an der legalen, gewaltlosen Unabhängigkeitsbewegung zu beteiligen. Eine andere Bedingung setzte fest, dass kein Gefangener einen anderen verurteilten Verbrecher besuchen oder sehen dürfte, obwohl zwei der Gefangenen Schwestern sind, die zusammen in einem Gefängnis gesessen sind, und ein anderer der Ehemann einer zuvor entlassenen Unabhängigkeitskämpferin ist. Die Bewegung verschob ihren Schwerpunkt hin zu der Forderung nach einer bedingungslosen Freilassung, während die Gefangenen selbst nach einem Weg suchten, auf das Angebot trotz ihrer räumlichen Trennung als Gruppe zu antworten. Es wurde im August in San Juan eine Konferenz abgehalten mit u.a. dem Autor und der WRI-Geschäftsführerin Roberta Bacic, die über die Wiedereingliederung der Gewissensgefangenen in Chile nach der Entmachtung Pinochets sprach, als RednerInnen. Auf der großen Demonstration im Anschluss an die Konferenz war der Hauptredner nicht ein puertoricanischer Nationalist oder Unabhängigkeits-held, sondern der Chicagoer Kongressabgeordnete Luis Gutierrez, der eine glühende Verdammung der Bedingungen des Präsidenten aussprach. Daheim in den USA erwägte die republikanische Partei einen eigenen Angriff, der sich auf die Kandidaturen von Hillary Clinton und Al Gore sowie die Bedeutung der Latino-Stimmen konzentrierte. Als Hillary im September anmerkte, dass die Gefangenen sich viel Zeit ließen mit ihrer Entscheidung und dass das Angebot vielleicht zurückgezogen werden sollte, gab der wütende New Yorker Kongressabgeordnete Jose Serrano zurück, dass die USA über hundert Jahre benötigt haben um über die Zukunft von Puerto Rico zu entscheiden. Einige Tage später stimmten zwölf der fünfzehn zu, die Begnadigung anzunehmen, was eine fast sofortige Freilassung von elf zur Folge hatte. Nach zwei Jahrzehnten des mühsamen Kampfes war ein wirklicher Sieg erreicht worden.

Alejandrina Torres ist eine von diesen elf, jetzt umgeben von ihrer Familie und ihren Freunden. Eine Lehrerin und Angestellte der First Congregational Church of Chicago, wo ihr Mann der pensionierte Pastor ist - ihr einnehmendes Lächeln, ihr höfliches Benehmen und ihr starker Geist zeihen die sechzehn Jahre unter höllischen Bedingungen, die sie aushielt, Lügen. Sofort nach der Festnahme wurde Torres in eine Sonderhaftanstalt in eine rein männliche Abteilung gebracht und war einer brutalen körperlichen Misshandlung und einer doppelten Nacktdurchsuchung vonseiten eines männlichen und vier weiblichen BeamtInnen ausgesetzt. Als eine von drei politischen Gefangenen, die in der Versuchseinrichtung Lexington Control Unit untergebracht wurden, sah sie sich Rund-um-die-Uhr-Überwachung, Schlafentzug und verschiedenen anderen Formen der psychologischen und physischen Folter gegenüber, bevor diese Einrichtung aufgrund von Graswurzel-Druck und einer Amnesty-International-Untersuchung geschlossen wurde. Trotz des Leidens an einem Herzanfall und mehreren chronischen medizinischen Einschränkungen wurde Torres nie eine richtige medizinische Behandlung erlaubt. In einem Exklusiv-Interview mit Peace News lenkte Alejandrina das Gespräch bezeichnenderweise von ihrem persönlichen Leiden ab hin zu den Beschränkungen gegen ihr Volk. Ihre Anteilnahme ist nicht eine der Bitterkeit, sondern der Schönheit.

„Wir entschieden uns zu diesem Zeitpunkt, dass wir auf die Leute reagieren mussten", begann sie, als sie von der Entscheidung das Begnadigungsangebot anzunehmen sprach. „Wir schuldeten den Leuten eine Reaktion, die ihnen vernünftig erschien, und viele Führer sagten, dass es lang genug gedauert hat. Es wäre besser für uns, meinten sie, draußen zu sein, zusammenzuarbeiten und uns gemeinsam mit den Zurückgebliebenen zu beschäftigen."

Vier von denen, die in die Amnestie-Kampagne eingeschlossen worden sind, blieben hinter Gittern - einschließlich Alejandrinas Stiefsohn Carlos Alberto Torres, dem keine Begnadigung angeboten worden ist, Juan Segarra Palmer, der das Angebot Clintons annahm, jedoch noch weitere fünf Jahre verbüßen muss. Antonio Camacho Negron, der zwei Jahre zuvor auf Bewährung entlassen worden ist, jedoch wieder verhaftet worden ist, als er durch ausgedehnte Reisen und politische Ansprachen gegen die Bewährungsauflagen verstieß, lehnte das Angebot ab und hat mehrere weitere Jahre zu verbüßen. Oscar Lopez-Rivera, der das Angebot der Regierung ebenfalls ablehnte (ihn unter bestimmten Bedingungen zu entlassen, nachdem er zusätzliche zehn Jahre verbüßt haben wird), hat noch 52 Jahre im Gefängnis vor sich. Als Vietnam-Veteran und lebenslangen sozialen Aktivist hielt Oscars standfeste Nicht-Zusammenarbeit mit den Machenschaften der Regierung ihn nicht davon ab, die Entscheidungen seiner Mitstreiter zu unterstützen. Oscars Engagement spiegelte sich in den Äußerungen der elf nach der Entlassung, die schworen immer weiter an der Freilassung aller zu arbeiten.

„Unsere Jahre im Gefängnis haben unseren Schwerpunkt nicht verschwinden lassen", fuhr Alejandrina fort auf eine Frage nach ihrer Fähigkeit, ihre Einigkeit zu erhalten. „Ich denke, dass das ein Teil des Sieges ausmacht. Das Weiße Haus dachte, wir würden einfach als Einzelne das Angebot unterschreiben. Sie waren überrascht, als wir uns entschieden, uns irgendwie treffen zu wollen. Ich schlug eine Telefon-Konferenzschaltung vor, die wir möglicherweise haben könnten. Sie haben nicht erwartet, dass wir uns so kollektiv verhalten würden. Wir hatten einige spannende Gespräche und kamen während einiger von diesen zu der Schlussfolgerung, dass das, was wir zugestanden haben, das ist, worüber sie schon die meiste Zeit unseres Lebens die Kontrolle gehabt haben. Ja, in gewissem Ausmaß haben sie uns das Gefängnis auf unsere Schultern gelegt. Wir tragen unsere Ketten mit uns bis auf die Straße. Es wurden einige sehr strenge Beschränkungen auferlegt, aber eigentlich ist es nur ein Teil der umfassenden Einstellung der USA zum Fall Puerto Ricos. Es ist der Kampf von durchschnittlichen ArbeiterInnen, einfach zu überleben."

Als sie nach dem historischen Kontext dieser Einschränkungen, besonders der heuchlerischen Forderung nach einem Schwur zur Gewaltlosigkeit, während die Marine weiter Vieques bombardiert, antwortet Alejandrina, indem sie feststellt: „Wir sind Vieques und Vieques ist wir. Vieques kämpft um sein Leben, seine Rechte, seine Freiheit ... und an diesem Punkt kann eine hervorragende Sache herausgestellt werden. Vieques scheint gerade jetzt ein Katalysator zu sein, wo sich Menschen dem US-Militär in aller Welt widersetzen. Es ist eine Sache auf die sich Menschen beziehen können - das US-Militär und die USA aus Puerto Rico herauszubekommen. Vieques zeigt, wie klar die Sache des Kolonialismus liegt, und sie können es nicht einfach unter den Teppich kehren.

Für uns durchläuft jeder geschichtliche Abschnitt bestimmte Phasen", fuhr Torres fort, „und wir müssen wachsen und uns entwickeln in Reaktion auf die Zeiten. Die puertoricanische Unabhängigkeitsbewegung war niemals eine gewalttätige Bewegung. Sie hatte ihre Abschnitte in der Geschichte, wo sich ihr Widerstand auf eine aggressivere Art ausdrückte und darstellte, doch die Bewegung selbst ist keine gewalttätige Bewegung."

Doch wie verhältst du dich gegenüber der größten Macht der Welt zu diesem Zeitpunkt? „Als die ganze Sache aufkam, dass Leute die Bomberübungsplätze von Vieques besetzten, und sich die ganze Sache der Gewaltlosigkeit ergab, und des zivilen Ungehorsams, der einen weiteren Aspekt der Gewaltlosigkeit darstellt, dachte ich, dass wir mitmachen sollten. Das ist etwas, für das die Leute empfänglich sind. Unsere Leute werden niemals wirklich empfänglich sein für Gewalt. Wir sind kein gewalttätiges Volk, und die USA sollte wirklich dankbar dafür sein, da über drei Millionen Puertoricaner innerhalb der USA leben! Ich denke, dass der Kampf der 90er einer des zivilen Ungehorsams gewesen ist."

Es gibt wenig Augenblicke genug, in denen Fortschrittliche Grund zum Feiern haben, und unzweifelhaft sollte die Befreiung von Alejandrina Torres und ihrer Mitangeklagten von uns allen, die wir uns für Frieden einsetzen, laut verkündet werden. Der Kampf der nächsten Zeit - für die Freilassung der verbleibenden vier und die Lockerung der Bewährungsauflagen, für ein dauerhaftes Ende der Nutzung von Vieques als US-Militärstützpunkt, für ein Ende des Kolonialismus und der politischen Haftstrafen überall - muss mit einer Kreativität und einer Entschlossenheit geführt werden, die aus den Lehren der puertoricanischen Kampagne gelernt hat. Wenn wir einer vom anderen lernen und lernen zusammenzuarbeiten, dann wird der Kampf wirklich weitergehen.

PR Human Rights Campaign, Dr. Luis Nieves Falcon, 8 Rodriguez Serra Street, San Juan, Puerto Rico 00907
National Committee to Free Puerto Rican Political Prisoners/POWs, 2048 W.Division Street, Chicago, IL 60622 USA
Resistance in Brooklyn, c/o Meyer, WRL, 339 Lafayette Street, New York, NY 10012, USA
Committee for the Rescue and Development of Vieques, Apartado 1424 Vieques, Puerto Rica 00765

Matt Meyer, früherer Vorsitzender der War Resisters League in den USA und Gründungsmitglied Lateinamerika- und der Afrika-Arbeitsgruppe der War Resisters International, war ein RnB-Vertreter in der Puertoricanischen Menschenrechtskampagne. Als Multikultureller Koordinator der New Yorker Alternativen Hochschulen und Programme ist er gegenwärtig Co-Vorsitzender des Konsortiums für Friedensforschung, -erziehung und -entwicklung (COPRED).

Lotahn schrieb aus dem Gefängnis:

»Ideen und die Moral können nicht ins Gefängnis gesperrt werden. Das Streben nach Gerechtigkeit kann nicht zum Schweigen gebracht oder hinter Gitter gesperrt werden. Ich wurde ins Gefängnis gesteckt, weil ich für Gerechtigkeit kämpfe, doch mich einzusperren kann den universalen Kampf nicht einsperren - für eine Welt, in der Unmoral nicht als schmerzhafte aber notwendige Realtität angesehen wird, in der Männer nicht zum Töten oder getötet werden in überflüssigen Kriegen, die ihnen aufgezwungen werden, geschickt werden, eine Welt, in der nicht Gier die menschliche Existenz kontrolliert, noch uns vom dem abhält, was richtig ist.

Die Menge an Unterstützung und Stärkung, die ich von so vielen Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Alters auf der ganzen Welt erfahren habe, hat micht ohne einen Schatten des Zweifels davon überzeugt, dass ich in diesem Kampf nicht allein bin, dass ich eine Person einer wachsenden Bewegung bin, die auf dem Weg zum Triumph ist. Dadurch, dass wir unsere Stimmen erheben und für das kämpfen, von dem wir wissen, dass es richtig ist, werden wir unsere Ziele erreichen. Dadurch, dass ihr eure Stimmen zu meiner Unterstützung erhebt kann ich diesen Kampf durchstehen und nicht abgeschreckt werden, und meine Stimme konnte nicht zum Schweigen gebracht werden - trotz meiner Inhaftierung. Dadurch, dass wir gemeinsam stehen, stark und laut, werden wir diesen Kampf gemeinsam durchstehen bis zu unserem Sieg.

Mit grossem Respekt und Dankbarkeit für alle.«

Lotahn Raz

„Leben heisst Widerstehen"

Ein Brief von Ossi

Liebe LeserInnen der Graswurzelrevolution,

Ich bin Ossi. Wie viele von Euch wissen, war ich wegen meiner Kriegsdienstverweigerung in der Türkei inhaftiert. Nach meiner ersten Inhaftierung im Oktober 1997 wurde ich im Dezember 97 freigelassen, und erschien im Januar 1998 erneut vor Gericht - um erneut verhaftet zu werden. Ich wurde im Mai 1998 wieder freigelassen, und ging im Oktober 1998 zurück ins Gefängnis. Das sollte eigentlich meine letzte Konfrontation mit dem Gerichtssaal sein. Doch dieses mal übernahm das Rekrutierungsbüro die Initiative und entschied, mich nicht frei gehen zu lassen, nachdem das Gericht mich entlassen hatte. So wurde ich wieder und wieder verhaftet, bis meine AnwältInnen es schafften, mich am 9. März dieses Jahres herauszuhauen!

Während der zwei Jahre, die ich in Gefängnissen, Kasernen und Rekrutierungsbüros (als Zwischenstation während Transporten) verbrachte, hat sich die legale Situation nicht viel entwickelt. Ich „gehöre" weiterhin zur Armee, was bedeutet, dass ich derzeit in der Position bin, ein Deserteur zu sein, und jederzeit erneut inhaftiert werden kann. Auf der anderen Seite scheint es so, dass das Militär derzeit nicht sehr erpicht darauf ist, mich zu inhaftieren, da dies lediglich die Konfrontation weiterführen würde - ohne meinen Willen zu brechen.

Viele mögen sich fragen, ob diese Geschichte Sinn macht, ob es das wert ist, durch all dies zu gehen. Ist diese Art zu handeln nicht einfach Märtyertum? Anstatt politische Argumente zu entwickeln, möchte ich mit einer einfachen Geschichte aus meinem alltäglichen Leben im Gefängnis antworten.

Als ich im November 1997 zum ersten Mal im Gefängnis von Eskisehir eintraf, wurde ich in eine Gemeinschaftszelle gebracht (mit einer Kapazität von 12 Personen). Ich war der Einzige, der keine Uniform trug (Ich weigerte mich und erinnerte die Gefängnisleitung an meinen vorherigen Hungerstreik im Militärgefängnis in Mamak/Ankara). Meine Zellengenossen waren vor mir gewarnt worden. Nach zwei Tagen gegenseitigen Kennenlernens herrschte um mich herum Schweigen. Ein Islamist redete weiter mit mir, doch das ist eine andere Geschichte.

Nach einiger Zeit erkannte ich, dass es ein Embargo gegen mich gab, und dass die verantwortliche Person dafür der Zellenleiter war. Er war ein überzeugter Faschist und bereits seit zwei Jahren im Gefängnis, da er jemanden getötet hatte (aus finanziellen Gründen). Lasst mich ihn „Ahmet" nennen.

Es war sehr schwer für mich, mit diesem sozialen Stress zu leben. Ich war gewohnt, den Autoritäten Widerstand zu leisten, doch wie kann man in einem kleinen Raum voll mit Menschen leben, von denen niemand ein einziges Wort mit dir wechseln will?

Innerhalb eines Monats wurde ich freigelassen. Doch, ich kehrte bald zurück - wie Ihr wisst. Dieses Mal waren meine Zellengenossen sehr überrascht, da sie sahen, dass mein Aufenthalt kein Zufall war oder etwas, das ausserhalb meines Willens lag. Sie erkannten, dass es mir ernst war mit dem ganzen Unsinn über Kriegsdienstverweigerung und das ich selbst entschied, hier zu sein. Insbesondere Ahmet hatte Schwierigkeiten, das zu akzeptieren, und so begann er, mit mir zu diskutieren. Die Diskussionen waren besonders hart, wenn wir die Fernsehnachrichten sahen.

Nach einer Zeit kamen wir zu dem Punkt des friedlichen Zusammenlebens. Auch wenn unsere Ideen sich widersprachen, so begann er mich zu respektieren, gefolgt von einer Art von Freundschaft. Indem er mich und mein Verhalten im Gefängnis beobachtete, versuchte Ahmet mehr und mehr mich und meine Prinzipien zu verstehen. So begannen wir in einer entspannteren Art zu diskutieren: Ethik, Religion, Anthropologie, Geschichte, Nationalismus, Psychologie, usw. Er las die Bücher, die mir meine FreundInnen brachten, und eines Tages löste eines dieser Bücher eine Explosion in ihm aus. Es war eine Einführung in die Geschichte der westlichen Philosophie. Nach diesem Buch flossen Ahmet's Fragen zu allem, was man sich vorstellen kann, aus ihm heraus.

Nach fast zwei Jahren gegenseitiger Bekanntschaft erfolgten Veränderungen bei ihm schneller und schneller. Während einer unserer nächtlichen Konversationen sagte er mir, dass das nur möglich sei, da er mir vertraue, dass ich nicht versuchen würde, ihn zu indoktrinieren. So begann, Schritt für Schritt, auch das Gefängnisleben sich zu verändern. Ahmet war verantwortlich für die Gemeinschaft von 12 Männern, doch wollte er diese Position nicht weiter einnehmen. Andererseits war jeder gewohnt, mit dieser strikten Hierarchie zu leben. Ahmet konnte sich nicht zurückziehen, denn wir alle wussten, dass sich die Situation verschlechtern würde. Wir - alle zusammen - versuchten langsam eine menschlichere und demokratischere Atmosphäre zu schaffen. Das war recht schwierig, denn Menschen, die gewohnt sind regiert zu werden, verstehen dies als ein Zeichen der Schwäche. Das Ergebnis ist oft Chaos an Stelle von Demokratie. Auf der anderen Seite suchen die Gefängnisleitung und die Wärter immer nach Möglichkeiten, in das Leben in den Gemeinschaftszellen einzugreifen und es zu kontrollieren.

Sicherlich haben wir keine reine Oase geschaffen, doch immerhin haben wir einen Konsens darüber erreicht, körperliche Gewalt und ähnliches auszuschliessen. Doch am wichtigsten für mich ist Ahmet gekannt zu haben, den Prozess mit angesehen zu haben, durch den er gegangen ist. Ein wirkliches Beispiel zu haben, wie sich jemand verändern kann.

Als ich schliesslich entlassen wurde, war er bereits seit vier Jahren im Gefängnis, und es lagen noch 13 Jahre vor ihm. Jetzt versuche ich, nicht den Kontakt zu verlieren.

Natürlich ist diese Geschichte nicht die ganze Antwort auf die oben erwähnten Fragen, und ich entschied mich nicht für die Kriegsdienstverweigerung, um mit jemanden wie Ahmet in Kontakt zu kommen - doch diese Erfahrung und viele andere haben mir wieder und wieder gezeigt, dass es das wert ist, darauf zu bestehen Du selbst zu sein, Deinem eigenen Willen zu folgen. Ich hatte während meines Aufenthaltes im Gefängnis nie das Gefühl, mein Leben/meine Zeit ohne Sinn zu verbringen. Ganz im Gegenteil: diese Jahre haben mir wieder deutlich gemacht: Leben heisst Widerstehen.

Ich möchte schliessen mit einigen kurzen Worten an die LeserInnen der Graswurzelrevolution und AktivistInnen von amnesty international, die mir in all diesen Jahren ihre Solidarität zeigten. Ich erhielt Eure Briefe nie, doch als klar wurde, dass die Armee den Fluss der Briefe zu mir unterbrach, begann meine Gruppe, der Verein der KriegsgegnerInnen Izmir, diese Briefe zu sammeln. In nur drei Monaten kamen so mehr als 2.500 Briefe in Izmir an. Auch wenn ich sie nicht lesen konnten, so erzählten mir meine FreundInnen von diesem Brieffluss. Nach meiner Freilassung war eines der ersten Dinge, die ich tat, diesen Briefberg zu begutachten. Ich werde sie nie alle lesen können! Vielen vielen Dank dafür, mit mir gewesen zu sein.

Liebe Grüsse,

Ossi

(Osman Murat Ülke)

Kontakt:
Izmir Savas Karsitlari Dernegi
1468 Sokak No 6/1, Alsançak -Izmir, Türkei
Tel.: +90-232-4642492, Fax: 4640842
email: iskd@operamail.com

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