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das zerbrochene Gewehr Nr.68, November 2005

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Eritrea graphic 25 Okt. 2005

1.Dezember: Tag der Gefangenen für den Frieden

Kriegsdienstverweigerung in Eritrea

Hintergrund des Landes

Eritrea liegt oberhalb des Horns von Afrika am Roten Meer. Das Land gewann seine de-facto Unabhängigkeit am 24.Mai 1991 nach 30 Jahren erbittertem, blutigen und teuer bewaffneten Kampf gegen die Vorherrschaft seines Nachbarn Äthiopien. Formell erklärte Eritrea seine Unabhängigkeit am 24. Mai 1993 nach der überwältigenden Zustimmung eines Referendums, das unter Aufsicht der Vereinten Nationen durchgeführt wurde.

Die beiden wichtigsten ethnischen Gruppen sind die Tigrinya (50%) und Tigré (40%). Die Afar stellen 4% der Bevölkerung dar, die restlichen 6% setzen sich zusammen aus Kunama, Nara, Bielen, Rashaida, Hidarb, Saho und anderen. Hauptreligionen sind das Christentum (einschließlich Kopten, Katholiken und verschiedenen protestantischen Konfessionen) und der Islam. Tigrinya, Englisch und Arabisch sind Amtssprachen, daneben besteht aber eine Vielzahl anderer ethnischer Sprachen. 1890 kolonialisierten die Italiener das Land und gaben ihm den Namen Eritrea. Nach der italienischen Niederlage im Zweiten Weltkrieg gelangten die afrikanischen Kolonien Eritrea, Somalia und Libyen für zehn Jahre unter britisches Protektorat. Die Zukunft dieser drei Staaten wurde zwischen 1945 und 1950 von den Vereinten Nationen heiß diskutiert. Die Debatte endete mit dem unbesonnenen Beschluss, für die nächsten zehn Jahre ? von 1952 bis 1962 - eine Konföderation aus Eritrea und Äthiopien zu schließen. 1961 verletzte Äthiopien die Vertragsbedingungen, indem es Eritrea zu seiner 14ten Provinz erklärte. Im selben Jahr begann die Eritreische Befreiungsfront (ELF) ihren bewaffneten Widerstand unter Führung von Hamid Idris Awate. 1970 spaltete sich eine Splittergruppe, die Eritreische Völkerstreitkraft (PFE), von der ELF ab. Diese revolutionäre Bewegung wurde von der jüngeren Generation angeführt. Nach ihrem ersten Kongress 1977 reorganisierte sich die PFE als Befreiungsfront der Eritreischen Völker (EPLF) und stellte die ELF in den Schatten. Nach einem langen Krieg erlangte die EPLF schließlich die Unabhängigkeit von Äthiopien und setzte sofort eine Übergangsregierung unter dem Anführer des erfolgreichen Befreiungskriegs, Issayas Afewerki, ein. Sämtliche Verwaltungsposten und Schlüsselpositionen wurden mit EPLF-Mitgliedern besetzt. Auf ihrem dritten Kongress 1994 benannte sich die Gruppe um in Völkerfront für Demokratie und Gerechtigkeit (PFDJ).

Im Gegensatz zu seinem Namen agierte das Regime jedoch undemokratisch, ungerecht und obendrein verfassungswidrig. Sein eigenes Verfassungskomitee, das 1994 aufgestellt worden war, hatte 1997 nach der Ratifizierung durch die eritreische Bevölkerung eine Verfassung hervorgebracht. Das Regime ignorierte dies und inhaftierte nach dem September 2001 elf prominente Mitglieder der Oppositionspartei, die einen demokratischen Wandel und die Durchsetzung der ratifizierten Verfassung gefordert hatten. Heute ist die PFDJ die einzige Gesetzgeberin in einer strengen Diktatur. Der eritreischen Bevölkerung werden grundlegende Menschen- und Bürgerrechte vorenthalten; Proteste enden stets in willkürlichen Verhaftungen, Einsperrungen und Folter. Für alle Eritreerinnen und Eritreer, die mit einem neuen Staat die Hoffnung auf Frieden, Stabilität und Wohlstand verbanden, ist das Maß an Kriegen, Korruption und Machtmissbrauch, das der Unabhängigkeit folgte, unvorstellbar. Elf Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung und 13 Jahre nach der Freiheit ist Eritrea ein Land, in dem Armut und Unterdrückung regieren.

Während der letzten drei Jahre wurde das Militärübungslager Sawa als Hauptquartier des allgemeinen staatlichen Militärdienstes eingerichtet. Alle Oberstufenschülerinnen und ?schüler sind gezwungen, ihr zwölftes Schuljahr in einer Sawa-eigenen Schule zu absolvieren. Nach der Beendigung ihres Militärdienstes ist keineR von ihnen je zur Weiterbildung an eine Universität zurückgekehrt. An der Universität von Asmara ? Eritreas einziger Universität ? sind nur Studierende im dritten und vierten Lernjahr eingeschrieben, die ihre Ausbildung vor Inkrafttreten der Einberufung begonnen haben.

Die Regierung hat das Land vollständig militarisiert. Die Zwangsrekrutierung junger Menschen, minderjähriger Kinder und Erwachsener unter 50 Jahren ist an der Tagesordnung. Die Rekruten werden brutal behandelt und es gibt Beweise für sexuellen Missbrauch von Frauen. Niemand hat das Recht, die Militärbehörden zu kritisieren. Niemand hat das Recht, den Kriegsdienst zu verweigern. Während der letzten dreieinhalb Jahre ist den EritreerInnen ihr Recht auf freie Meinungsäußerung entzogen worden. Unabhängige Zeitungen, Fernsehkanäle oder Rundfunksender gibt es nicht. Die einzigen aktiven Medien gehören der Regierung. Nur das Internet dient denen, die einen Zugang dazu haben, als Quelle für Informationen, die nicht von Regierungspropaganda gefärbt sind. Die Außenpolitik hat das Land vor Menschenrechtsorganisationen, Hilfswerken und der Internationalen Gemeinschaft weitgehend abgeschottet. Mit dem Konzept der Nationalen Einheit hat der Diktator Regimegegner eingeschüchtert und diskreditiert. Religiöse Minderheiten werden mit Gefängnis und Folter bestraft und verfolgt. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Compass Direct sind allein in diesem Jahr 187 eritreische ChristInnen verhaftet worden, darunter Gruppen beim Gebet, ganze Hochzeitsgesellschaften, Bibellesekreise, Intellektuelle und Priester. Oft sind Kinder und ältere Menschen unter den Inhaftierten.

Laut ?The Christian Post? vom 24. Februar 2005 hat die eritreische Regierung seit Mai 2002 alle protestantischen Kirchen im Land geschlossen, ihre Gotteshäuser für illegal erklärt und Versammlungen in Privathäusern verboten. Nur vier Glaubensgemeinschaften werden offiziell akzeptiert: Orthodoxe Christen, Katholiken, Lutheraner und Muslime.

Kriegsdienstverweigerung ist tabu. Kriegsdienstverweigerer werden vom Regime als feige und unpatriotisch gebrandmarkt. Keinerlei Zuflucht zum Gesetz oder Wehrersatzleistung ist möglich. Die Konsequenzen der Widersetzung oder Desertierung sind schwere Folter, langjährige Haft und sogar der Tod. Nach den Greueln des Grenzkrieges mit Äthiopien zwischen 1998 und 2000 ist die Zahl der Kriegsdienstverweigerer innerhalb des Militärs gestiegen. Heute sind es bereits Tausende, die Nein zu Militärdienst und Militär sagen. Sie sind gezwungen, ins Exil zu gehen. Viele von ihnen suchen in Europa, Libyen, Äthiopien und dem Sudan politisches Asyl. In Deutschland haben eritreische Flüchtlinge die Eritreische Antimilitaristische Initiative (EAI) gegründet, die Menschen unterstützt, die vor dem eritreischen Militär fliehen mussten. Die Initiative kämpft auch für Frieden und Antimilitarismus in Eritrea.

Konsequenzen des Krieges

Die negativen Auswirkungen des langen Unabhängigkeitskrieges und der folgenden Konflikte auf die eritreische Gesellschaft und Wirtschaft sind unabschätzbar. Sie haben die Abwärtsspirale verschärft, von der die ganze Region betroffen ist, und haben Millionen von Menschen abhängig von äußerer Hilfe gemacht, um überleben zu können. Die Bilanz dieser Kämpfe ist verheerend: Verluste von Menschenleben, Verarmung, Vertreibungen, Bedrohung durch Landminen, Plünderungen, Enteignungen, Exil, Traumatisierung.

Derzeit lebt mehr als ein Drittel der eritreischen Bevölkerung im Exil. Der Krieg hat zum Zerreißen von Familien geführt, zum Verlust der Kultur und der Normen der Gesellschaft sowohl in ihrem Land als auch im Exil.

Internationale und nationale Nichtregierungsorganisationen

Von nationalen oder internationalen Nichtregierungsorganisationen (NROen) gibt es kaum eine Gegenöffentlichkeit. Sämtliche Aktivitäten stehen unter der Überwachung des Regimes. Es gibt keine internationalen NROen, die in Eritrea für die Menschenrechte eintreten oder Zeugen für die Zwangsrekrutierungen, die Brutalität des Militärs und die Verfolgung von Kriegsdienstverweigerern sind. Gleichzeitig duldet die Regierung keinerlei unabhängige nationale Organisationen, Menschenrechtsgruppen, internationale BeobachterInnen oder AuslandsreporterInnen. Untersuchungen oder Stellungnahmen, die von Amnesty International und anderen eingefordert wurden, werden ignoriert. Alle internationalen JournalistInnen sind offiziell verwiesen worden.

Kriegsdienstverweigerung als ein Weg zum Frieden

Die Menschen in Eritrea leben in einer politischen, sozialen und wirtschaftlichen Krise. Es besteht ein dringender Bedarf daran, eine gesunde demokratische Atmosphäre mit einer verfassungsgemäß gewählten Regierung und einem Mehrparteiensystem zu errichten. Alle politischen Gefangenen und inhaftierten Kriegsdienstverweigerer müssen umgehend freigelassen werden. Deshalb tritt die EAI für eine Verweigerung des Militärdienstes im oben beschriebenen Kontext ein. Wir sind der Meinung dass ein Nein zu Kriegsdienst, Militarismus und Krieg aus folgenden Gründen lebenswichtig ist:

  1. Die Ideen und Überzeugungen, die hinter der Kriegsdienstverweigerung stehen, basieren auf Frieden, Menschlichkeit und Moral. Wir sehen darin den Weg, um der irreführenden und aggressiven Propaganda der Nationalen Einheit und Nationalen Souveränität zu widerstehen.
  2. Je mehr Menschen Nein zum Krieg in Eritrea und Nein zu den Kriegen in unseren Nachbarländern, der Region und der Welt sagen, desto mehr Regierungen werden beginnen, über friedliche Lösungen nachzudenken, Respekt für das menschliche Leben üben und an einer gerechten und sicheren Zukunft für die kommenden Generationen arbeiten.
  3. Kriegsdienstverweigerung ist das System der ?checks and balances? gegen Krieg und Militarismus. Ein Kriegsdienstverweigerer ist das Gegenteil eines warlords. Wir sind überzeugt, dass Kriegsdienstverweigerer ein Gegengewicht zu militärischen Motiven schaffen können.

Schritte für einen dauerhaften Frieden

Die EAI glaubt, dass die folgenden Schritte dazu beitragen können, einen anhaltenden Frieden auf der Basis von Menschen-, Bürger- und politischen Rechten zu erreichen.

  1. Förderung und Ausbau der Anerkennung für das Recht auf Militärdienstverweigerung und das Angebot alternativer ziviler Dienste.
  2. Aufbau einer zivilen Kultur des Pluralismus, des Respekts und der Toleranz.
  3. Entwicklung der politischen Führung auf demokratischen Prinzipien.
  4. Übernahme gewaltfreier Formen des Kampfes.
  5. Friedliche Konfliktlösungen durch Dialog, Mediation und Verhandlung.
  6. Respekt des Internationalen Rechts.

Yohannes Kidane

Yohannes Kidane ist aus Eritrea geflohen und lebt in Deutschland, wo er in der Eritreischen Antimilitaristischen Initiative aktiv ist.

Quelle: Manifest der Eritreischen Demokratischen Partei (EDP), homepages von Asmarion und Awate.

Editorial

Viele von uns werden sich an die Hoffnungen erinnern, die mit der Unabhängigkeit Eritreas in den frühen 1990-er Jahren verknüpft waren. Ich selbst erinnere mich, über selbstständige Entwicklung gelesen zu haben, über die Bildung von Kooperativen und allgemein darüber, dass Eritrea einen Pfad verfolgte, der nicht von internationalen Institutionen wie der Weltbank abhängig war, die viele andere Länder in gewaltige Außenschulden trieb. Jedoch 14 Jahre später sieht die Lage völlig anders aus, und diese Ausgabe des ?Zerbrochenen Gewehrs? kann nur einen flüchtigen Blick auf das werfen, was gegenwärtig im Lande geschieht. Als die WRI zuerst Informationen von der Eritreischen antimilitaristischen Initiative erhielt, waren wir schockiert. Zwangsrekrutierungen und Gefängnis/ Hinrichtungen für junge Leute, Männer und Frauen, die sich dem Militärdienst verweigern, scheinen eine tägliche Erfahrung für die Jugend in Eritrea zu sein, mit dem Exil als einzige ?Alternative?. Die Kontakte der WRI in Afrika sind noch immer gering. Vor 4 Jahren, 2001, haben wir die Lage in Angola zum 15. Mai (Internationaler Tag der Kriegsdienstverweigerer) beleuchtet. Der Tag der Gefangenen für den Frieden 2005, mit einem Schwerpunkt auf Eritra ist daher eine gute Gelegenheit, afrikanische antimilitaristische Gruppen zu erreichen, wo es sie gibt. Die Artikel in dieser Ausgabe ? die Interviews mit KDVern ? zeigen sehr deutlich, wie dringend KDVer in Eritrea unsere Unterstützung brauchen. Mehr Information über die Situation in Eritrea liefert eine Dokumentation, die auf der Webseite der WRI zu finden ist: http://wri-irg.org/news/2005/eritrea-en.htm. Freie Fahrt zum Herunterladen und Verteilen.

Andreas Speck

War Resisters' International
5 Caledonian Rd, London N1 9DX, Grossbritannien email info@wri-irg.org
http://wri-irg.org/de

Für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung!

Präsentation bei der 61. Sitzung der Menschenrechts- kommission der Vereinten Nationen vom 14. März bis 22. April 2005 in Genf

Abraham Gebreyesus Mehreteab sprach bei der 61. Sitzung der Menschenrechtskommission für die War Resisters' International. Im Folgenden dokumentieren wir seine Rede.

Sehr geehrter Herr Vorsitzender,

Ich vertrete die War Resisters' International, die Untersuchungen zu Kriegsdienstverweigerung in vielen Ländern durchführt. Bei ersten Recherchen zu diesem Thema in Eritrea fanden wir im vergangenen Jahr heraus, dass es dort Tausende von Verweigerern und Deserteuren gibt.

Unter der derzeitigen eritreischen Regierung ist das Recht auf KDV nicht gesetzlich garantiert. Einige Mitglieder religiöser Gruppen, z. B. der Zeugen Jehovas, sind aufgrund ihrer Überzeugung, nach der sie den Militärdienst ablehnen, seit mehr als zehn Jahren in Haft, ohne jemals eine gerichtliche Anhörung bekommen zu haben.

Willkürliche Festnahmen, Folter, Einsatz an vorderster Front und Zwangsarbeit ? alle ohne vorherige Gerichtsverhandlung ? sind übliche Strafen für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure. Als militärische Bestrafung werden die Opfer sehr häufig gefesselt für mehrere Tage oder manchmal sogar für Wochen in die Sonne gelegt. Außerdem werden Angehörige von Deserteuren bedroht, damit sie ihre Kinder in ihre Einheiten schicken.

Auch wenn genaue Zahlen kaum in Erfahrung gebracht werden können, umgehen doch Tausende den Militärdienst, wobei sie ihre Verweigerung auf unterschiedliche Weise umsetzen. Manche verweigern aus Gewissensgründen, andere desertieren oder flüchten vor der Militärdiktatur, wobei viele der Deserteure in anderen Ländern politisches Asyl suchen.

Wir bitten die UN-Menschenrechtskommission, die anhaltenden Rechtsverletzungen gegenüber Kriegsdienstverweigerern zur Kenntnis zu nehmen und weitere Maßnahmen zu ergreifen, um die Anerkennung von Verweigerern und Deserteuren als Asylberechtigte gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention sicherzustellen.

Zudem bitten wir den Sonderbeauftragten für Religions- und Glaubensfreiheit, die Situation von Kriegsdienstverweigerern und anderen Armeemitgliedern, insbesondere in Eritrea, zu untersuchen.

Und schließlich bitten wir die eritreische Regierung, den Kommissionsbeschluss 1998/77 einzuhalten und insbesondere

  1. sofort alle Kriegsdienstverweigerer freizulassen;
  2. das Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen, einschließlich fester Überzeugungen mit religiöser, ethischer, humanitärer und ähnlicher Motivation, anzuerkennen;
  3. einen Ersatzdienst einzuführen, der mit den Gründen für Kriegsdienstverweigerung vereinbar ist.

Vielen Dank.

Abraham Gebreyesus Mehreteab

Abraham Gebreyesus Mehreteab ist ein Aktivist der eritreischen Antimilitarismus-Initiative mit Sitz in Deutschland und vertrat die War Resisters' International bei der Menschenrechtskommission.

Ehrenliste der Gefangenen für den Frieden 2005

So funktioniert die Liste

Zuerst sind die Namen der Gefangenen aufgeführt (in Fettdruck), darauf folgend ihre Haftzeit und dann die Gefängnisadresse mit . Am Schluss steht der Grund ihres Gefängnisaufenthaltes (in kursiv).

Spezielle Informationen zu einzelnen Ländern sind ebenfalls kursiv gedruckt.

Armenien

Auch wenn Armenien im Jahr 2004 ein Gesetz zur Kriegsdienstverweigerung verabschiedet hat, so werden doch weiter Kriegsdienstverweigerer inhaftiert. Viele Kriegsdienstverweigerer weigern sich ebenfalls, den Ersatzdienst abzuleisten, da dieser vom Verteidigungsministerium kontrolliert wird. In diesem Jahr brachen 22 Zeugen Jehovahs ihren Ersatzdienst ab, und ihnen drohen jetzt Anklagen wegen Desertion.

Mher Manukyan (16/12/04-15/12/06)
Arman Marinosyan (23/02/05-22/02/07)
Roma Karapetyan (24/02/05-23/02/07)
Sergey Ovanisyan (28/02/05-27/08/06)
Gevork Manukyan (03/03/05-02/03/07)
Ashot Torgomyan (14/03/05-13/03/07)
Sarkis Karapetyan (06/04/05-05/10/06)
Tatul Gogzhyan (15/04/05-14/12/06)
Armen Grigoryan (09/06/05-08/06/07)
Grisha Gevorkyan (01/07/05-30/06/07)
>> Kosh Penal Institution, Kosh, Armenien

Suren Barsegyan (09/06/05-08/06/07)
Ashot Virabyan (01/07/05-30/06/07)
Yenok Ivanyan (01/07/05-30/06/07)
Grachya Sargsyan (16/08/05-15/02/07)
Akop Muradyan (02/08/05, in Erwartung des Prozesses)
Vagarshak Markaryan (17/08/05, in Erwartung des Prozesses)
Boris Melkumyan (17/08/05, in Erwartung des Prozesses)
Artur Chilingarov (18/08/05, in Erwartung des Prozesses)
Gagik Davtyan (18/08/05, in Erwartung des Prozesses)
Garik Begdzanyan (19/08/05, in Erwartung des Prozesses)
Artur Akopyan (23/08/05, in Erwartung des Prozesses)
Shaliko Sargsyan (26/08/05, in Erwartung des Prozesses)
>> Nubarashen Penal Institution, Nubarashen, Armenien

Tigran Abraamyan (22/08/05, in Erwartung des Prozesses)
Garazat Azatyan (22/08/05, in Erwartung des Prozesses)
Vaye Grigoryan (22/08/05, in Erwartung des Prozesses)
Garik Melkonyan (22/08/05, in Erwartung des Prozesses)
Karlen Simonyan (22/08/05, in Erwartung des Prozesses)
Genrik Safaryan (22/08/05, in Erwartung des Prozesses)
Gayk Khachatryan (22/08/05, in Erwartung des Prozesses)
>> Vardenis Detention Center, Vardenis, Armenien

Areg Avanesyan (16/02/05-15/02/09)
>> Shushi Penal Institution, Shushi, Nagorno-Karabakh

Armenischer Staatsbürger, wurde für den Militärdienst nach Nagorno-Karabach einberufen, und dort wegen KDV inhaftiert. Nagorno-Karabach ist eine armenische Enklave, de-facto unabhängig doch völkerrechtlich Teil von Azerbaidschan. Armenisches Militär unterstützt die Streitkräfte Nagorno-Karabachs, und das Strafgesetzbuch ist fast identisch mit dem Armeniens.

Eritrea

Paulos Eyassu (24/09/1994-)
Negede Teklemariam (24/09/1994-)
Isaac Mogos (24/09/1994-)
Aron Abraha (09/05/2001-)
Mussie Fessehaye (Juni 2003-)
Ambakom Tsegezab (Februar 2004-)
Bemnet Fessehaye (Februar 2005-)
Henok Ghebru (Februar 2005-)
>> Sawa Prison, Eritrea

Amanuel Tesfaendrias (March 2005-)
>> Wia Prison, Eritrea

Insgesamt befinden sich derzeit neun Zeugen Jehovah's wegen Kriegsdienstverweigerung im Gefängnis. Drei Zeugen Jehovah's sind seit dem 24. September 1994 aufgrund ihrer Verweigerung des Militärdienstes inhaftiert. Alle drei wurden bislang wegen ihres "Verbrechens" nicht angeklagt. Die Höchststrafe für Kriegsdienstverweigerung liegt bei drei Jahren.

Finnland

Auch wenn Finnland derzeit unter dem Druck der UN und anderer internationaler Institutionen steht, so werden doch weiterhin Totalverweigerer inhaftiert und das Land weigert sich, das Gesetz zur Kriegsdienstverweigerung in Einklang mit internationalen Standards zu bringen. Das Ar- beitsministerium beginnt nun den Prozess um das Gesetz zu ändern ? zum ersten Mal wird die finnische KDV-Gruppe mit im Komitee sitzen, das das neue Gesetz ausarbeitet ? doch die Verkürzung des Ersatzdienstes ist nicht Teil des Mandates des Komitees. Daher können keine bedeutenden Änderungen erwartet werden. Am 1. Oktober befanden sich 12 Totalverweigerer im Gefängnis, doch nur zwei von denen, die am 1. Dezember im Knast sein werden, waren mit der Veröffentlichung ihres Namens einverstanden.

Sauli Korpiluoma (02/08/05-27/01/06)
Aleksei Riikonen (12/09/05-29/03/06)
>> Helsingin työsiirtola, PL 36, 01531 Vantaa, Finland

Griechenland

Trotz breiter internationaler Aufmerksamkeit hat sich die Situation in Griechenland in diesem Jahr verschlechtert. Bereits im Dezember 2004 wurde Lazaros Petromelidis in Abwesenheit zu 2 1/2 Jahren Haft verurteilt. Er ist derzeit noch frei, kann aber jederzeit verhaftet werden.

Andere Verweigerer wurden im Mai 2005 kurz inhaftiert, und zu Bewährungsstrafen verurteilt. Mehrere KDVer warten auf das Ergebnis ihrer Berufungen, und könnten zu Haftstrafen verurteilt werden.

Israel

Mehrere israelische Kriegsdienstverweigerer saßen wiederholt Haftstrafen ab, mit Gesamtstrafen von mehr als 100 Tagen Gefängnis, darunter Alex Kohn, einer der InitiatorInnen des Briefes der OberstufenschülerInnen (Shministim), sowie der drusische Verweigerer Wissam Qablan. Die israelische Praxis der wiederholten bis zu fünfwöchigen Disziplinarstrafen macht es jedoch unmöglich jetzt zu wissen, wer am 1. Dezember in Haft sein wird. Aktualisierungen und neue Informationen finden sich auf der WRI-Internetseite unter http://wri-irg.org/news/alerts .

Niederlande

Turi Vaccaro (in Erwartung des Prozesses)
HvB de Boschpoot, Nassausingel 26, 4811 DG Breda, The Netherlands Pflugschar-Aktion, Abrüstung eines F-16 Atomwaffen-Bombers am 10. August 2005 auf der Luftwaffenbasis Woensdrecht. Die Verhandlung wurde am 13 Oktober fortgesetzt.

Puerto Rico

José Vélez Acosta (23883-069)
(5 Jahre -- bis zum 27/01/06)
>> USP, POB 1033, Coleman, Florida 33521-1033, USA

José Pérez González (21519-069)
(5 Jahre -- bis zum 15/07/08)
>> Edgefield FCI, PO Box 725, Edgefield, SC 29824, USA

Beide wurden wegen Verschwörung, Beschädigung von Bundeseigentum und/oder Verletzung von Bewährungsauflagen am 15. Januar 2003 verurteilt, für ihren Widerstand gegen die US-Bombardierungen auf Vieques, Puerto Rico. Bitte sendet finanzielle Unterstützung für Gefangene und ihre Familien, sowie zurückgeschickte Briefe an: May 1 Arrestees Support Committee, P.O. Box 191792, San Juan, PR 00919-1792

Russische Föderation

Igor Sutyagin (15 Jahre)
>> 427965, Respublika Udmurtiya, g. Sarapul; ul. Raskolnikova, 53-A, YaCh-91/5, 14 otryad; Russia
Seit dem 27.10.1999 inhaftiert, jetzt wegen Spionage verurteilt wegen der Recherche zu öffentlich zugänglichen Informationen zu Nuklearwaffen. Verurteilt am 7 Juli 2004.

Südkorea

Im letzten Jahr haben der Oberste Gerichtshof und das Verfassungsgericht des Landes gegen das Recht auf Kriegsdienstverweigerung geurteilt. Derzeit befinden sich mehr als 1000 Kriegsdienstverweigerer in Gefängnisses, die meisten von ihnen Zeugen Jehovah's. Zwei Fälle von Kriegsdienstverweigerern sind beim UN-Menschenrechtskomitee anhängig.

Türkei

Die Verfolgung von Kriegsdienstverweigerung begann erneut im April, mit der Verhaftung von Mehmet Tarhan. In der Türkei gibt es mehr als 50 erklärte Verweigerer, die meisten von ihnen könnten jederzeit verhaftet werden. Dennoch vermeiden die türkischen Behörden es im allgemeinen, Verweigerer zu verhaften ? mit Ausnahmen, wie die Verhaftung von Mehmet Tarhan zeigt.

Mehmet Tarhan (08/04/05-)
>> Sivas Military Prison, 5. Piyade Egitim Tugayi, Askeri Cezaevi, Temeltepe ? Sivas, Turkei
Wurde am 10. August 2005 aufgrund zweier Anklagen wegen "Ungehorsam vor der Mannschaft" zu vier Jahren Haft verurteilt. Neue Anklagen sind möglich.

USA

Ardeth Platte (10857-039) (41 Monate, bis zum 22/12/05)
>> FPC Danbury, Pembroke Station Rt. 37, Danbury, CT 06811-0379
Sacred Earth und Space Plowshares-Abrüstungsaktion eines Atomraketensilos in Colorado am 6.10.02; verurteilt wegen Sabotage.

Helen Woodson (03231-045) (106 Monate, seit 11/03/04)
>> FMC Carswell, Max Unit, POB 27137, Ft. Worth, TX 76127
Antikriegsprotest am Bundesgericht in Kansas City, Missouri, am 11.03.04, Verletzung der Auflagen nach der Haftentlassung vom 9.3.04. Plädierte auf schuldig zur Verletzung der Auflagen und vier neuen Anklagen am 18.06.04.

Inge Donato (40885-050) (sechs Monate, bis zum 06/02/06)
>> FDC Philadelphia, POB 561, Philadelphia, PA 19106
Verurteilt im Dezember 2004 wegen Verweigerung des Zahlung von Kriegssteuern aus religiösen Gründen.

Rafil Dhafir (Urteil erwartet am 18/11/05)
>> Jamesville Correctional Facility, POB 143, Jamesville, NY 13078
Verurteilt wegen humanitärer und finanzieller Hilfe für Menschen im Irak in Verletzung der US-Sanktionen, Februar 2005.

Michael D. Poulin (14793-097) (27 Monate, bis zum 25/01/06)
>> FPC Sheridan Unit 5, POB 6000, Sheridan, OR 97378.
Verurteilt wegen Sachbeschädigung an Hochspannungsmasten um die Verletzbarkeit des US-Empires zu demonstrieren.

Laro Nicol (80430-008) (2 Jahre, bis zum 15/06/06)
>> FCI Safford, POB 9000, Safford, AZ 85548
Bürgerrechts- und Antikriegsaktivist, verurteilt aufgrund von fabrizierten Anklagen wegen Waffenbesitz und Sprengstoffen. Hat die Vorwürfe nicht angefochten, um eine höhere Strafe zu vermeiden. Mehr Infos bei: http://www.phoenixcopwatch.org/freelaro.htm

Neil Quentin Lucas (13 Monate, bis zum 22/08/06)
>> Building 1490, Randolph Rd, Fort Sill, OK73503
Verweigerte Verlegung in den Irak, nachdem sein KDV-Antrag ignoriert wurde.

Kevin Benderman (15 Monate, bis zum 29/07/05)
>> c/o Benderman Defense, POB 2322, Hinesville, GA 31310
Berufsoffizier, KDV-Antrag abgelehnt. Verurteilt, da er Verlegung in den Irak versäumt hat.

Jerry Texiero (in Erwartung des Prozesses)
>> Pinellas County Jail, 14400 49th St. N., Clearwater, FL 33762-2890
Vietnam-Ära Deserter von den US Marines, aus Gewissengründen, verhaftet am 16. August 2005 (!). Erwartet derzeit seinen Militärgerichtsprozess.

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Ich hatte die Nase voll vom Krieg.

Ich wurde am 10.1.1981 in Asmara geboren. Ich war erst 15 Jahre und uns wurde gesagt, dass wir das Ergebnis der Abiturprüfungen erst nach der Grundausbildung beim Nationaldienst erfahren würden. Deswegen bin ich mit 15 Jahren zum Militär gegangen. Ich hoffte darauf, dass ich nach der Ableistung des Nationaldienstes den Abschluss bekomme und aus dem Militär entlassen werde. So wurde ich 1996 zum Nationaldienst rekrutiert und nach Sawa zur Grundausbildung gebracht.

Einige der Mädchen waren von ihren Eltern abgehauen und zum Nationaldienst gegangen, obwohl sie minderjährig waren. Manchmal kamen die Eltern, um sie wieder mit nach Hause zu nehmen. Die Verantwortlichen haben das aber immer verweigert.

Viele Mädchen wurden vergewaltigt. Es gab Mädchen, die sich aufgrund der Situation angepasst haben und von sich aus mit den Offizieren geschmust haben, um einer Vergewaltigung zu entgehen. Es gab ausschließlich männliche Offiziere. Wer dies nicht gemacht hat, wer sich den Aufforderungen der Männer verweigert hat, wurde zu miesen Arbeiten eingeteilt oder einfach in den Krieg geschickt. Auch die Mädchen, die vergewaltigt worden waren, sich aber nicht fügen wollten, wurden an die Front geschickt. Gut behandelt wurden die Mädchen, die sich willfährig benahmen und hübsch waren. Oft wurden sie unfreiwillig schwanger.

Wir befanden uns in Baka im Gebiet Girmaik. Die Mädchen, die sich weigerten, Hausfrau zu spielen, mussten als Strafe in der Nacht 3-4 Stunden Wache stehen. Auch die männlichen Jugendlichen, die ihnen helfen wollten, wurden bestraft - ihnen wurde befohlen, den ganzen Tag in der Sonne stramm zu stehen. Die anderen Mädchen, die das Spiel mitmachten, wurden gut behandelt.

Wer es nicht mehr ertragen konnte, wer seine Familie sehen wollte, haute schließlich ab. Manche kamen von alleine wieder, andere wurden von Militärpolizei aufgegriffen und dann mit Hubschrauber oder der Nummer Acht bestraft [1]. In einigen Fällen wurden sie auch mit Milch übergossen, bevor sie stundenlang in der Sonne zu stehen hatten. Sie wurden Koblelt genannt, Ungesetzliche, Deserteure.

Nach der Ableistung von 18 Monaten Militärdienst mussten wir zwei weitere Monate beim Militär bleiben. Dann begann der Krieg. Mir fällt es schwer, das zu beschreiben. Es war entsetzlich. So gab es z.B. die Regel, dass bei Verletzungen von Soldaten zuerst die Jikaalo ins Lazarett gebracht werden müssen. Sie wurden also zuerst aus der Frontlinie geholt, nicht die einfachen Soldaten. Einmal starben deswegen 5, 6 Jugendliche. Sie waren einfach liegen gelassen worden. Wenn die Einheit von der Front zurückgezogen wurde, um eine Pause zu erhalten, gingen einige unerlaubt fort zu ihren Familien. Wenn sie zurück kamen und die Einheit wieder an die Front verlegt wurden, wurden sie als Strafe direkt an der Front eingesetzt, andere wurden sogar exekutiert.

Ich hatte die Nase voll vom Krieg. Ich meldete mich krank, obwohl ich dann dableiben musste und nicht nach Hause kam. Nach mehrmaligen Anträgen und Beschwerden erhielt ich doch noch fünf Tage Urlaub, blieb aber zehn Tage weg. Dann bekam ich es mit der Angst. Ich kehrte zurück. Als Strafe musste ich einen großen Wasserbehälter eine Woche lang ständig einen großen Berg hinauf und herunter tragen.

Im Mai 1999 wollte mich einer der Einheitsführer vergewaltigen. Ich konnte schreien, so dass andere zu Hilfe kamen und es verhinderten. Ich verlangte, dass er bestraft werde. Aber er selbst war dafür verantwortlich, meine Beschwerde an die Vorgesetzten weiterzuleiten. Er wurde nicht bestraft.

Nach der 2. Invasion wurden wir in der Einheit geschult und absolvierten einen Kurs über Finanzprüfung. Ich war in der Verwaltung des Bataillons eingesetzt und kontrollierte die Einnahmen und Ausgaben. Mein Vorgesetzter setzte mich unter Druck und verbreitete Lügen über mich, weil ich ihm nicht willig war. Er beschuldigte mich z.B., Geld gestohlen zu haben, obwohl er gar kein Geld dagelassen hatte. Solche Anschuldigungen leitete er an seine Vorgesetzen weiter, damit ich bestraft werde. Es war unerträglich. Ich bin deshalb zu meiner Familie nach Asmara gegangen. Nach einem Monat wurde ich in Asmara verhaftet und ins Polizeirevier nach Gegjeret gebracht. Anschließend kam ich nach Adiabeto. Ich verlangte mehrmals: ,Ich will zu meiner Einheit. Wenn ich eine Strafe erhalten soll, will ich sie dort erhalten." Nach einigen Wochen konnte ich aber aus dem Gefängnis in Adiabeto fliehen und nach Adisegdo gehen.

Dort gelang es mir, über ein Jahr zu bleiben. Ich musste mich ständig verstecken, die Gäste durften mich nicht sehen und ich konnte nicht aus dem Haus gehen. Die Nachbarn durften mich nicht sehen, damit sie mich nicht verraten konnten. In der Zeit kam ich aber in Kontakt zu Freunden meines Vaters, die mir regierungskritische Zeitschriften, z.B. von der ELF mitbrachten.

Weil ich lange weg war, haben die Behörden monatelang Druck auf meinen Vater ausgeübt, nach mir gefragt und ihn schließlich verhaftet.

Mit Hilfe seiner Freunde konnte ich schließlich in den Sudan flüchten.

Interview mit Bisrat Habte Micael vom 28.05.2004. Übersetzung Yonas Bahta und Abraham Gebreyesus. Abschrift: Rudi Friedrich

Anmerkung:

[1] "Der Helikopter": Das Opfer wird hinter dem Rücken an Händen und Füssen gefesselt, auf dem Boden liegend mit dem Gesicht nach unten, unter freiem Himmel in heisser Sonne, Regen oder kalten Nächten, nur mit Unterwäsche bekleidet.

"Sie übergossen mich mit einem Gemisch aus Milch und Zucker"

Ich wurde am 27.12.1978 in Asmara geboren. 1996 wurde ich zwangsweise zum Nationaldienst nach Sawa einberufen.

In der Grundausbildung war die Ernährung und Schulung schlecht. Die Ausbilder hielten sich nicht an das Schulungsprogramm, sondern ließen uns z.B. Klamotten von ihnen waschen oder Wasser holen. Sie zwangen uns, sich ihrem Willen zu unterwerfen. Es gab auch nicht genügend zu essen. Es wurde verdorbenes Mehl verwandt.

Nach der sechsmonatigen Militärschulung machten wir einen Militärmarsch von über 120 Kilometern von Ketan nach Sahel. Anschließend wurden wir nach Nakfa gebracht, um etwa 15 Tage lang Schützengräben auszuheben. Es war nicht klar, wofür wir das gemacht haben, die Gräben waren völlig nutzlos. Zudem war es dort kalt, aber wir erhielten keine Decken, so dass wir sogar manchmal Erde benutzten, um uns abzudecken.

Danach kam ich zurück in die Division 2001, 2. Brigade, 1. Bataillon, 3. Einheit, 2. Gruppe. Wir waren in Ambori im Gebiet Dembelas stationiert, eine gefährliche Gegend, da es dort die Djihad gab und es zu Konflikten kommen konnte.

Im November 1997 wurde ich für einen Militärkurs nach Mensura verlegt, um das amerikanische System zu lernen: In kleinen Einheiten zu kämpfen. Es war zwei Monate vor dem normalen Ende meines Nationaldienstes. Später begriff ich, dass wir den Kurs machten, da schon der Krieg vorbereitet wurde. Anfang April wurden die Reservisten einberufen, die in der 1. bis 4. Runde der Einberufungen zum Nationaldienst eingezogen worden waren. Als Vorwand wurde genannt, dass sie bei Entwicklungsmaßnahmen tätig sein sollten. Tatsächlich wurden sie zum Krieg einberufen und kamen zu uns.

Am 12. Mai griffen wir Badime an. Wir marschierten bis nach Dembegedamu, 18-20 km in äthiopisches Gebiet hinein, besetzten das Gebiet und bezogen in Dembegedamu Stellung. Nach einer Woche löste uns die Division 381 ab. Wir wurden nach Zorona verlegt. Dort war zu Anfang nicht viel zu tun. Wir hoben Schützengräben aus. Die Einheitsführer ließen uns private Arbeiten verrichten, z.B. beim Gemüseanbau. Nachdem es geerntet wurde, mussten wir das Gemüse mit unserem Geld kaufen. Der Erlös wanderte in ihre Taschen. Sie setzten z.B. auch einen sich im Militärdienst befindlichen Ingenieur dazu ein, für sich ein Haus bauen zu lassen.

Ich hatte akzeptiert, den Nationaldienst abzuleisten. Ich war Eritreer und bereit, für einen guten Grund Soldat zu sein und Krieg zu führen, z.B. wenn Eritrea wirklich gefährdet ist. Nun sollte ich aber sterben, während die anderen für sich arbeiten lassen und nur reicher und reicher werden. Das sah ich nicht ein. Das ist kein Grund, mein Leben zu opfern.

Ein Gruppenführer hat sogar die Autorität, seinen Willen durchzusetzen, auch gegenüber den Frauen. Die anderen müssen die Arbeit für ihn leisten. Beim Einheitsführer ist es noch schlimmer, erst recht beim Bataillonsführer. Die Situation wurde immer unerträglicher.

Ich fing an, ihnen zu widersprechen. Ich sagte: "Ich leiste Militärdienst. Obwohl ich nicht dafür bin, was hier abläuft: Ich bin Soldat. Warum lässt Du uns dann für Deine eigenen privaten Interessen arbeiten? Das sehe ich nicht ein."

Ich wurde verhaftet, entlassen, wieder verhaftet. Einmal wurde ich für drei Monate inhaftiert und musste mit 22 anderen Soldaten von morgens 6 bis 12 Uhr und nachmittags von 14 bis 16 Uhr Feldarbeit verrichten. Es war als eine Art Gehirnwäsche gedacht. Wir ernteten Tomaten und Zwiebeln.

Danach boten sie mir an, selbst Gruppenführer zu werden. Sie ordneten es nicht an, weil ich gut bin. Sie beabsichtigten, mich irgendwann dranzukriegen. Ich musste diese Tätigkeit übernehmen und eine Gruppe von vier Soldaten führen.

In dieser Zeit, es war Februar 1999, begann die 2. Invasion. Wir befanden uns in Onoshahok, als für 1&fraq12; Tage ununterbrochen geschossen wurde. Zum Glück bin ich unverletzt herausgekommen. Aus meiner Gruppe wurde ein Junge und ein Mädchen verletzt. Das Mädchen war an die Front gekommen, weil sie sich weigerte, den Führern willig zu sein.

Wir blieben bis zum Mai dort stationiert. Dann sollte ich einen einmonatigen Kurs für Einheitsführer absolvieren. Ich weigerte mich. Ich wollte mich nicht an den Privatgeschäften beteiligen. Und ich wollte meine Freunde nicht unterdrücken.

Daraufhin wurde ich festgenommen. Sie übergossen mich mit einem Gemisch aus Milch und Zucker, fesselten mich und legten mich in die Sonne. Das war Ende Mai/ Anfang Juni 1999. Zweieinhalb Tage lag ich ununterbrochen gefesselt da. Die Tage waren sehr heiß, nachts war es total kalt. Da verbrannte meine Haut, nach zweieinhalb Tagen war mein Gesicht voller Blasen. Ich hatte auch schreckliche Kopfschmerzen. Vor lauter Schmerzen bin ich fast umgefallen. Ein Arzt kam und forderte eine ärztliche Behandlung. Der Bataillonsführer verweigerte dies zunächst. Der Arzt sagte: "Das kann ich nicht verantworten. Wenn irgendwas passiert, trägst Du die Verantwortung." Da erklärte sich der Bataillonsführer einverstanden. Sie haben mich in ein Lazarett in der Nähe gebracht, meine Haut abgemacht, das Fleisch mit Desinfektionsmitteln gesäubert und gaben mir Tetrazeiklin, Antibiotika-Tabletten. Das war es schon.

Ich blieb zwei Wochen im Lazarett. Trotz der Tabletten bekam ich eine Infektion. Es wurde sehr schlimm und sie wollten mich zur Strafe nicht richtig behandeln. Schließlich brachten sie mich doch nach Alla in ein Militärkrankenhaus. In Alla konnte ich drei bis vier Monate nichts mehr auf meinem linken Auge sehen. Ich versuchte, den verantwortlichen Bataillonsführer anzuklagen, erhielt aber nie eine Reaktion.

Manchmal beruhigte sich meine Wunde, dann infizierte sie sich wieder und schlug Blasen. Es war ein ständiges Auf und Ab. Schließlich gaben sie mir monatsweise Urlaub, so dass ich zu meiner Familie reisen konnte. Ich beantragte schriftlich meine Entlassung, was mir mit dem Hinweis verweigert wurde, dass ich nach der Heilung wieder an der Front eingesetzt werden würde.

Interview mit Saeed Ibrahim vom 18.06.2004.

Tausende Gefangene im Militärgefängnis

Mehrere tausend Personen, die festgenommen worden sind, weil sie unter Ver- dacht stehen, sich dem Wehrdienst entziehen zu wollen, sind im Armeegefängnis Adi Abeto in großer Gefahr, misshandelt oder gefoltert zu werden. Nach einer Häftlings- revolte sind Berichten zufolge mindestens zwölf Gefangene getötet und viele weitere verwundet worden.

Am 4. November 2004 nahmen Angehörige der Sicherheitskräfte in der Hauptstadt Asmara willkürlich mehrere tausend vornehmlich junge Menschen fest, die sie verdächtigten, sich der Wehrpflicht zu entziehen. Die Fest- nahmen erfolgten sowohl auf der Straße, in Büros und Geschäften als auch an Straßensperren und in Privatwohnungen.

Die Festgenommenen wurden in das Armeegefängnis Adi Abeto außerhalb von Asmara gebracht. Die Bedingungen in dieser Militärhaft- einrichtung sind extrem schlecht, das Gefängnis ist überbelegt, es gibt keine ausreichende Nahrung und die sanitären Einrichtungen sind mangelhaft. Viele der Häftlinge werden gezwungen, bei niedrigen Temperaturen im Freien zu schlafen, obwohl sie weder Decken noch Schuhe haben. Zudem wird den Insassen der Kontakt zu Familienangehörigen und Rechtsanwälten verweigert.

Am 4. November 2004 sollen kurz vor Mitternacht einige Häftlinge eine Wand des Gefängnisses eingedrückt haben, wobei es sich offenbar um einen Fluchtversuch handelte. Daraufhin eröffneten Soldaten das Feuer und töteten mehrere Gefangene und verletzten viele weitere. Am 8. November 2004 gab der Informationsminister an, es seien zwei Gefangene getötet worden. Laut anderen Quellen sollen jedoch mindestens zwölf Insassen des Gefängnisses getötet worden sein, deren Leichen begraben und nicht den Familien übergeben wurden. Die verwundeten Gefangenen wurden ins Krankenhaus ge- bracht, wo sie ohne Kontakt zur Außenwelt unter Be-wachung stehen.

Amnesty International, 9.11.2004

Angehörige von KDVern verhaftet

Amnesty International berichtete am 28. Juli 2005 über die Verhaftung von mehreren hundert Angehörigen von Deserteuren oder Kriegsdienstverweigerern. Die Verhaf- tungen ereigneten sich in der Region Debub im Süden Eritreas seit dem 15. Juli.

Amnesty International berichtet: "Bei den Festgenommenen handelt es sich um Väter, Mütter oder andere Verwandte von Männern und Frauen über 18 Jahren, die entweder seit 1994 der Einberufung zum Wehrdienst nicht nachgekommen sind oder das Pflichtschuljahr im Militärausbildungslager Sawa nicht absolviert haben, oder die ihre Armeeeinheit oder das Land illegal verlassen haben. Den Familienangehörigen wird zur Last gelegt, sie bei der Vermeidung des Wehrdienstes unterstützt oder ihre Flucht ins Aus- land ermöglicht zu haben. Behördenvertreter sollen den inhaftierten Verwandten angeboten haben, sie gegen eine Kaution zwischen 10.000 und 50.000 Nakfa (ca. 500 - 2.500 Euro) freizulassen, wenn sie sich verpflichten, ihre wehrpflichtigen Angehörigen an die Behörden zu übergeben."

Die Inhaftierten werden in verschiedenen Gefängnissen festgehalten. "Einige der im Gefängnis der Stadt Adi Keih Inhaftierten sind Berichten zufolge aus Protest gegen ihre Festnahme in den Hungerstreik getreten und wurden in das Militärlager Mai Serwa unweit der Hauptstadt Asmara verlegt."

Amnesty International, 28.07.2005

Dokumentation: KDV und Desertion in Eritrea

Eine englischsprachige Dokumentation kann von der Internet-Seite der WRI kostenlos heruntergeladen werden unter http://wri-irg.org/news/2005/eritrea-en.htm. Eine deutschsprachige Dokumentation ist über Connection e.V. erhältlich: http://www.connection-ev.de

Gewaltfreiheit globalisieren

Internationale Konferenz der WRI 2006
Schloss Ehringerfeld, Paderborn
23.-27. Juli 2006

Diese Konferenz ,Gewaltfreiheit globalisieren' der War Resisters' International wird eine großartige Gelegenheit, um Aktive aus der ganzen Welt zu treffen, ihre Hintergründe kennen zu lernen, und zu verstehen, wie wir alle eine andere Welt möglich machen können.

Auf der ganzen Welt entwickelt sich eine ?Bewegung der Bewegungen". Sie will die Sichtweisen und Werte der Bevölkerung denen der Konzerne, Institutionen und Regierungen entgegensetzen ? auch in den Anti-Kriegs-Aktionen. Es ist eine ?Globalisierung von unten".

Die War Resisters' International denkt, dass die Gewaltfreiheit in dieser Globalisierung von unten noch viel wichtiger werden kann. Darum die Überschrift unserer internationalen Konferenz: Gewaltfreiheit globalisieren.

Mehr Informationen unter www.gewaltfreiheitglobalisieren.org

Das Zerbrochene Gewehr

Das Zerbrochene Gewehr ist das Mitteilungsblatt der War Resisters’ International und wird in englischer, spanischer, französischer und deutscher Sprache veröffentlicht. Dies ist Ausgabe 68, November 2005.

Diese Ausgabe wurde von Andreas Speck zusammengestellt. Besonderer Dank gilt NukeResister, Forum 18, Amnesty International und anderen, die mit Informationen zu dieser Ausgabe beigetragen haben, and Mitzi Bales, die beim editieren behilfreich war. Weitere Exemplare dieses Zerbrochenen Gewehrs sind vom WRI-Büro erhältlich oder als Download von unserer Website.

War Resisters' International, Caledonian Road, London N1 9DX, Grossbritannien tel +44-20-7278 4040; fax +44-20-7278 0444; info@wri-irg.org http://wri-irg.org/pubs/br68-de.htm