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Sehr geehrte Damen und Herren,
verehrte Frau Sheehan und liebe Gäste von der WRI, liebe Freundinnen und Freunde,
"im Jahr 2001 war es ein TABU über Fragen wie Militärdienst, Soldatenrechte und Kriegsdiensfverweigerung zu reden" . Dieses Zitat aus dem Bericht eines Kriegsdienstverweigerers aus Südkorea beschreibt eine Wirklichkeit, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts in vielen Staaten der Welt immer noch gilt. Hunderte von jungen Männern sitzen z.B. in Gefängnissen Koreas, weil sie Militärdienst ablehnen. Sie berufen sich auf das Menschenrecht der Gewissensfreiheit, das ihnen die Regierung ihres Landes vorenthält. Dies steht im Widerspruch zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, zum Internationalen Pakt über Bürgerliche und Politische Rechte und verstößt gegen zahlreiche Empfehlungen der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen. Um auch bei diesem Thema "schwerhörige" Regierungen zu erreichen, erneuert und aktualisiert die UN-Menschenrechtskommission seit 1987 diese Empfehlungen in zweijährigen Abständen, zuletzt2004. Der Erfolg ist überschaubar: Eine gesetzliche Regelung der Kriegsdienstverweigerung besteht - immerhin oder erst - in etwa 30 der zur Zeit l9l Mitgliedsstaaten der UNO. Fast alle Staaten unterhalten Armeen, rd. 90 davon rekrutieren ihre Soldaten immer noch über die Wehrpflicht. Eine Bestandsaufnahme, die zu beklagen ist. Aber schon das Interesse an einer solchen Bestandsaufnahme setzt eine kritische Sicht voraus, wie sie fast nur aus dem Blickwinkel prinzipieller Kriegsdienstgegnerschaft erfolgt. Zu dieser weltweiten Übersicht hat die War Resisters’ International Einzigartiges beigetragen.
Global denken - lokal handeln! Dieser Devise folgt die Internationale der Kriegsdienstgegner/ War Resisters’ International seit über 80 Jahren. Es waren einzelne Friedensbewegte, die nach dem Drama des 1. Weltkriegs in ihren Ländern gegen künftige Kriegsgefahren und für Wege aus der nationalstaatlich organisierten Gewalt stritten. Der Einsatz für Achtung des Krieges, für den Völkerbund und für eine Weltfriedensordnung, die auf sozialer Gerechtigkeit basiert, war - zwischen den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts - eine "gewaltfreie Antwort" auf die damals überkommene Last militärischer Gewalt. Diese Gewalt wirkt bis heute fort, zwar in vielfach gewandelter Form, relativ selten ganz offen, häufig versteckt und in jedem Fall sehr viel perfekter entwickelt. (Wer auch nur einmal die Entwicklung einer einzigen Kriegswaffe dargestellt gesehen hat, wird beeindruckt sein, welche Ressourcen an Geist und Geld aufgewendet worden sind, um sie oft in jahrzehntelanger Arbeit mit Akribie und Raffinesse zu perfektionieren.) Sogar in Regionen mit hohem zivilen Anspruch (- wie z.B. Europa -) wird in der neuerdings globalisierten Welt von der Politik die "Verbesserung militärischer Fähigkeiten" offensichtlich immer noch für viel wichtiger gehalten als die eigentlich nötige Verbesserung der Fähigkeiten zu friedlicher Streitbeilegung. Auf diesen Widerspruch zur dringend gebotenen zivilen Entwicklung musste erst durch öffentliche Proteste hingewiesen werden. Gerade weil dieser Protest oft erfolglos scheint, ist er um so wichtiger. In der globalisierten Welt ist aber erst recht die internationale Vernetzung des Protestes, für die die Internationale der Kriegsdienstgegner als Preisträgerin in diesem Jahr steht, unerläßlich.
Der Preis trägt den Namen von Friedrich Siegmund-Schultze, einem Zeitgenossen von Albert Schweitzer und Friedrich von Bodelschwingh. Als Wegbereiter der Ökumene hat Siegmund-Schultze deren Bekanntheitsgrad nicht erreicht, obwohl sein persönliches Zeugnis wie seine Anstöße für die soziale Arbeit im >Inneren< und für die ökumenische Arbeit im >Äußeren< durchaus ebenbürtige Leistungen gewesen sind. Sein theologischer Werdegang führte ihn vom kaiserlichen Hofprediger hin zur ,Kaffeeklappe’ für sozial Schwache in Berlin, über die deutsch - englische Freundschaftsarbeit zur Gründung des Internationalen Versöhnungsbundes (1914) bis hin zum Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen, der - nach dem 2. WK - dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) vorausging. Aus diesem Engagement erwuchs Siegmund-Schultzes zunehmende Einsicht, dass persönlicher Gewaltverzicht eine Quelle und wesentliche Voraussetzung für kollektiven Gewaltverzicht ist. So setzte er sich neben seiner Arbeit als Hochschullehrer vielfältig für das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung ein. Die Gründung der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen l95l kann als eine Art Antwort auf die von ihm strikt abgelehnte Einführung der Wehrpflicht in Westdeutschland verstanden werden.
Wer "militärisches Training" für das Verletzen und Töten von Menschen ablehnt, der bezieht in der Regel auch persönlich Stellung: für gewaltlose Überwindung "organisierter Friedlosigkeit" .... Welchen Anteil hatte wohl die Existenz eines Grundrechts auf KDV daran, dass >gewaltfreie Erziehung< heute als ziviler Anspruch in Elternhaus, Schule, Ausbildungs- und Weiterbildungsstätten vorhanden ist? Der wieder in Mode kommenden Verächtlichmachung des Gewaltverzichts im Zeitalter "neuer" Kriege, deren Folgen immer noch die alten sind, muss deutlich widersprochen werden. Ihre Diffamierung als Kennzeichen der "ewig Gestrigen" darf nicht hingenommen werden. Auch die heute so oft beschworene "wachsende internationale Verantwortung" Deutschlands kann vor dem Hintergrund unserer Geschichte unsere Verpflichtung und unseren Auftrag, auf zivile Weise Verantwortung wahrzunehmen, nicht erledigen. Es wäre kurzatmig, unhistorisch und gefährlich, wenn Pazifismus und Einsatz für gewaltfreie Konfliktaustragung - immer noch oder schon wieder - als exotische Weltanschauung bzw. als Spielwiese von handlungsunfähigen Nichts - Tuern dargestellt, wenn Pazifisten als naive Gutmenschen karikiert werden. Diese mag es ja durchaus geben, aber im Gegenteil kommt es gerade in heutiger Zeit darauf an, herauszuarbeiten und gesellschaftlich bewusst zu machen, welche bedeutende Rolle der Verzicht auf Gewalt, welche Rolle die Gewaltlosigkeit, die nicht Tatenlosigkeit ist, in der Geschichte gespielt hat und in Zukunft spielen muss.
Viele von uns bewerten die Geschichte der W R I durchaus als einen starken Beitrag zu diesem Kapitel der Geschichte: l92l gegründet als Zusammenschluss einzelner Menschen und Initiativen/Organisationen/Gruppen, die sich trotz oder wegen anhaltender Kriege bis heute als Bewegung zur Abschaffung des Krieges verstehen. Mehr als einige Stichworte dazu vermag diese Laudatio nicht zu geben: >Protest gegen Krieg< und >Einsatz für unterdrückte oder inhaftierte Verweigerer<: Beides hat wohl nur selten zu direkten, unmittelbaren Erfolgen geführt, aber sie haben doch stets Beispiel gegeben und auch Beifall gefunden, d.h. Impulse gesetzt und Langzeitwirkung entfaltet. Manchmal bewirkt schon ein Solidaritätsbrief Hoffnung und Ermutigung. So äußerte z.B. Mahatma Gandhi 1930 seine Freude, von W R I - Mitgliedern aus England "gute Wünsche" statt der Kritik zu erhalten, die er aus diesem Land gewohnt war. Im Kalten Krieg nach dem 2. Weltkrieg waren es Initiativen aus der W R I die statt Soldaten >Friedensbrigaden< forderten, die mit >Friedensmärschen< an den Ostertagen gegen Wettrüsten stritten und für Abrüstung und Atomwaffenfreiheit warben. Wo immer sie in Europa stattfanden, meist wurden sie als ,exotische’ Minderheiten und als Außenseiter beargwöhnt oder belächelt. Die W R I - Mitglieder in Osteuropa mussten Schlimmeres fürchten, aber es gab sie und sie gaben nicht auf.
Den Bus-Boykott schwarzer Frauen in Montgomery, Alabama/UsA bewertete die War Resisters’ League 1957 als "ersten Beitrag zur Theorie und Praxis der Gewaltfreiheit" nach Gandhi. Martin Luther King wurde ihr Fürsprecher in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, gewaltfrei für Menschenwürde und deren rechtliche Absicherung zu streiten. Er wurde ein Opfer der Gewalt, seine Visionen gewaltfreier Konfliktbearbeitung lebten weiter. Nicht zuletzt im Protest gegen den Vietnamkrieg, der weltweit Massen gegen Kriegsgewalt aufbrachte und vielen Menschen die Idee der Gewaltlosigkeit nahe brachte. Die Entspannungspolitik in Europa war mit dieser Idee augenscheinlich so verbunden, dass die gewaltstrotzende Ost-West Konfrontation zum Ende des 20. Jahrhunderts weithin gewaltlos beendet werden konnte. Um so schmerzlicher ist, dass die Erwartung an eine konsequente Umkehr der Politik, Rüstung stetig zu vermindern und zivile Konfliktbearbeitung gezielt zu fördern, bis heute weithin enttäuscht worden ist. Die nationalen Rüstungshaushalte sprechen für sich, annähernd vergleichbare Aufwendungen für den Auf- und Ausbau ziviler Gewaltprävention im Rahmen der UNO, der OSZE oder anderer regionaler Zusammenschlüsse sind nicht in Sicht. Dafür muss weiter gestritten werden, damit die Bewegung, Krieg abzuschaffen, wächst und nicht kleiner wird.
Krieg als - mit den Worten der UNO-Charta -"Geißel der Menschheit" kann nur als gemeinsame Aufgabe aller Menschen guten Willens abgeschafft werden, über konfessionelle und andere Grenzen hinweg. Der Frieden zwischen Religionen ist eine unverzichtbare Voraussetzung für Frieden, zumindest kann und darf heute Religion nicht mehr zur Legitimierung militärischer Gewaltanwendung missbraucht werden. Das sollte endgültig der Vergangenheit angehören. Die Aufarbeitung gewaltsamer Vergangenheit ist aber wichtig, sowohl für die eigene Gesprächsfähigkeit, als auch um auch mit friedensbewegten Menschen zusammenarbeiten zu können, die - oft wohlbegründet - Religionen kritisch sehen oder gar ablehnen Die Grußbotschaft des Generalsekretärs des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), Dr. Samuel Koiba, bestärkt uns darin. nie ÖRK-nekade "Gewalt überwinden" hat sich die Aufgabe gestellt, die auch wir mit dieser Preisverleihung an die Internationale der Kriegsdienstgegner verbinden: dem Krieg die Legitimation zu entziehen. Albert Einstein wird der Satz zugeschrieben: "Das Denken der Zukunft muss Krieg als Handlungsmöglichkeit ausschließen." In diesem Sinne wollen wir das Friedensklima fördern und das Völkerrecht stärken. Kurz: Wir wollen weiter mithelfen, dem Kriegshandwerk geistige, materielle und auch personelle Ressourcen zu entziehen. Der "Entzug" kirchlicher Finanzressourcen wird die EAK als Befürworterin pazifistischer Positionen in der EKD im nächsten Jahr hart treffen - aber um so mehr freuen wir uns heute, den aus privaten Spendengeldern - für die wir allen Spenderinnen und Spendern herzlich gedankt haben und danken - finanzierten Preis heute an Sie, liebe Frau Sheehan, als Vorsitzende der Internationale der Kriegsdienstgegner überreichen zu können. Alle guten Wünsche!