WRI homepage > WRI-Programm > Gewaltfreiheit und gesellschaftliches Empowerment > Bericht von der Puri Konferenz = Diese Seite auf PDF
Das Konferenzprogramm spannte den Bogen von persönlichen Erfahrungen mit Empowerment (und Disempowerment) über die Arbeit in Gruppen und Organisationen zu gesellschaftlichen Kämpfen und bis hin zu internationaler Kooperation (oder disempowernder Bevormundung?). Einen umfassenden Überblick zu geben ist im Rahmen dieses Artikels nicht möglich[2], und so wollen wir uns auf einige wenige uns spannend erscheinende Aspekte beschränken.
Ellen Elster, Mitglied im Vorstand der WRI, schilderte die Erfolge der Frauenbewegung der 70er Jahre, die vor allem in den skandinavischen Ländern sehr sichtbar sind. Doch welche gesellschaftlichen Veränderungen hat diese "Teilhabe an der Macht" bewirkt?
Sie setzte sich ebenfalls kritisch mit der zunehmenden Tendenz zur "Professionalisierung" von NGO's auseinander, die mit einer Umorientierung auf Lobbyismus und Dialog mit den Herrschenden einher geht. Dies mag zu mehr Einfluß auf Regierungsentscheidungen führen, doch führt es auch zu mehr Empowerment an der Basis?[3]
Amalia Paillalaf, Lehrerin in einer Indigena-Gemeinde der Mapuche-Tehuelche in Patagonien, Argentinien, stellte im Bericht über ihre Arbeit die Notwendigkeit der Bewahrung der eigenen indigenen Identität heraus. Amalia betont die Wichtigkeit, auch das traditionelle Wissen ihres Volkes in der Schule zu unterrichten und schriftlich festzuhalten. Dazu mußte sie die Alten bitten, dieses Wissen weiterzugeben. Diese wollten zuerst nicht, da sie meinten, es wäre heute nicht mehr von Nutzen. Außerdem mußte der Unterricht in Amalias Schule so organisiert werden, dass er den Lebensbedingungen der Mapuche in dieser Region, die über hunderte von Kilometern voneinander entfernt leben, entspricht. So gehen die Kinder dort jeweils zwei Wochen zur Schule und bleiben dann eine Woche zu hause, während die anderen Geschwister zur Schule gehen, die vorher zu hause geblieben waren, um zu helfen.
Während SEWU in erster Linie Kleingewerbe treibende Frauen in Südafrika organisiert (zu gut deutsch: Strassenhändlerinnen), organisiert Swadhina vor allem Frauen auf dem Lande. Beide haben sich dem Empowerment von Frauen verschrieben. Während sich SEWU die Organisierung und Fortbildung bereits wirtschaftlich selbstständig arbeitender Frauen als Ziel gesetzt hat - durch Förderung und Ausbildung von Fähigkeiten in den Bereichen Führung, Verhandlung und Lobbying - geht es bei Swadhina oft darum, die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frauen erst zu entwickeln.
SEWU fördert ausserdem die Ausbildung von Grundfähigkeiten wie Geschäftsführung und Konfliktbewältigung und weiter spezielle Fähigkeiten wie Hausbau, Tischlern, Elektrik. Dies sind keine traditionellen Tätigkeiten für Frauen, aber ein Bereich, in dem sie gut Geld verdienen und ihre eigenen kleinen Betriebe aufmachen können. Die Frauen müssen einen geringen Teil dieser Fortbildungen selbst finanzieren, während SEWU 80% der Kosten übernimmt[6].
Bei Swadhina ist das ökonomische Empowerment von Frauen Schwerpunkt ihrer Arbeit, da viele Probleme der Frauen ökonomische Ursachen haben. Es beinhaltet drei Schritte: die Frauen müssen sich bewußt werden, daß sie in der Lage sind, ökonomisch selbständig zu sein, ihr Selbstvertrauen muß gestärkt werden und sie müssen verstehen, daß sie den Männern gleichwertig sind, um gegen Diskriminierungen, wie z. B. unterschiedliche Löhne, protestieren zu können. Schließlich müssen sie den Umgang mit Geld erlernen.
Anfangs war die Gesellschaft nicht dazu bereit, starke Frauen zu akzeptieren. Die Frauen organisieren sich in Basisgruppen und wählen eine Präsidentin und eine Schatzmeisterin. Es wurden Sparfonds von den Frauen selbst in den Dörfern gegründet, aus denen sie sich Kredite leihen können.
MST unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von SEWU und Swadhina. Die Bewegung bezieht sich nicht speziell auf das Empowerment von Frauen. MST will die bestehende Weltordnung herausfordern. Sie haben Organisationen in 23 von 26 brasilianischen Bundesstaaten.
Die Bewegung begann, als einige Familien aus dem Süden nicht umgesiedelt werden wollten. Sie sagten "wir haben hier Land". Sie forderten Land, Lebensmittel, Trinkwasser, Saatgut und Würde, das Recht BrasilianerInnen zu sein.
In ihrer Arbeit brauchen sie öffentliche Unterstützung. Dazu organisieren sie Märsche, oft wochenlang und über mehrere tausend Kilometer, bei denen sie unterwegs Menschen besuchen, um ihr Anliegen zu erzählen und sie für MST zu gewinnen. Sie sind auf die Unterstützung von Millionen angewiesen, damit sie nicht umgebracht werden.
Eine Gruppe von landlosen Kindern wollte in die Schule gehen können. Sie haben sich mit LehrerInnen zusammengetan und die "wandernde Schule" gegründet, damit möglichst viele Kinder am Unterricht teilnehmen können.
Keith Goddard knüpfte daran an und erläuterte die Strategie von Gays and Lesbians of Zimbabwe nach den ersten ausfallenden Äusserungen Mugabe's anhand der Kraftfeldanalyse[10]. Er zeigte auf, wie GALZ die eigenen Kräfte stärkte, und die gegen GALZ wirkenden Kräfte zu schwächen versuchte. Dabei wies er darauf hin, dass sich letztlich Mugabe - entgegen der ursprünglichen Einschätzung - als ein die Bewegung stärkender Faktor erwies.
Wie steht es um die Frage grundlegender gesellschaftlicher Veränderungen, die den Kapitalismus nicht nur zu reformieren bestreben, sondern eine revolutionäre Veränderung anstreben? Trauen wir - mit "wir" meinen wir hier die War Resisters` International - uns schon nicht mehr, von Revolution auch nur zu reden (oder warum taucht dieses Wort in der Prinzipienerklärung von 1997 nicht mehr auf), geschweige denn sie zu machen? Wie steht es also um unser eigenes Empowerment?
Kontakt:
War Resisters' International
5 Caledonian Road
London N1 9DX
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Tel.: +44-20-7278 4040
Fax: +44-20-7278 0444
Email: nvse@wri-irg.org
http://wri-irg.org/de/
[2] Die War Resisters' International beabsichtigt die Herausgabe eines Buches zur Konferenz. Nähere Informationen sind bei der WRI erhältlich.
[3] Ellen Elster: Kommentar. In: Das Zerbrochene Gewehr Nr. 47/48, Januar 2001, S. 20
[4] vgl. dazu auch das Interview mit Keith Goddard, "Mugabe's Hunde und Schweine machen mobil", in Rosige Zeiten - Magazin aus Oldenburg für Lesben und Schwule, Nr. 73, April-Mai 2001, S. 21-25; sowie: Keith Goddard: Inside Out, in Das Zerbrochene Gewehr Nr. 47/48, Januar 2001, S. 9-10
[5] die Fallstudien sind unter http://wri-irg.org/archive/nvse2001/nvse/nvsecase-en.htm im internet einzusehen. Leider sind sie bisher nur auf englisch und/oder spanisch erhältlich.
[6] Khoboso Nthunya: Self-Employed Women's Union, South Africa: In: Case studies submitted to the Nonviolence and Social Empowerment Conference, Puri, Orissa, India. http://wri-irg.org/nvse/nvsecase-en.htm
[7] vgl.: Robert L. Rabin Segal: Military Contamination of the Island of Vieques, Puerto Rico, and the People's Response, in: Case studies submitted to the Nonviolence and Social Empowerment Conference, Puri, Orissa, India. http://wri-irg.org/nvse/nvsecase-en.htm
[8] Rafael Ajangiz: Civil disobedience gets rid of conscription (Spain, 1985-2000), in: Case studies submitted to the Nonviolence and Social Empowerment Conference, Puri, Orissa, India. http://wri-irg.org/nvse/nvsecase-en.htm
[9] vgl. dazu u.a.: Vivien Sharples: Ein wahres Fest des Widerstandes. Die Blockade der WTO in Seattle. In: graswurzelrevolution Nr. 245, 29. Jg, Januar 2000, S. 1/13; Vivien Sharples: Ein Organisationsmodell für direkte Aktionen. In: Das Zerbrochene Gewehr Nr. 47/48, Januar 2001, S. 18-20
[10] zur Kraftfeldanalyse vgl.: Coover u.a.: Resource Manual for A Living Revolution. New Society Publishers, Philadelphia, 1985, S. 286/287